
Ein Referat von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer (Evangelische Landeskirche in Baden) auf der 3. wissenschaftlichen Tagung am 17./18. Februar 2006 in der Evangelischen Akademie Bad Herrenalb gehalten. Die Jahrestagung 2006 stand unter dem Motto "Aus Fehlern lernen? Scheiternde Projekte in einer lernenden Kirche" und beschäftigte sich mit den Erfolgsbedingungen von Kirchenreformprojekten.
I.
Ich möchte bei meinem Vortrag über gelungene Reformprozesse zunächst schwerpunktmäßig
darüber reden, wie wir in der Badischen Landeskirche auf dem Weg sind zu zielorientiertem
Handeln und Planen. Im zweiten Teil werde ich dann Faktoren für das Gelingen von Reformprojekten
benennen.
Ich möchte Ihnen dabei sieben Bausteine darstellen. Zeitlich beginne ich im Jahr 1998, dem Jahr
meines Dienstantritts als Bischof der Evangelischen Landeskirche in Baden. Mir ging es dabei
darum, die erfolgreiche Arbeit meines Vorgängers fortzusetzen, dabei aber auch eigene Akzente zu
setzen.
1. Orientierungsgespräche
Seit 1998 werden in der Badischen Landeskirche flächendeckend Orientierungsgespräche durchgeführt. Sie sind inzwischen durch einen Leitfaden gut ausgearbeitet und dokumentiert. Heute werden die Orientierungsgespräche auch konkret mit Zielvereinbarungen verbunden.
Wie ist diese Reform, bei der wir einer der ersten Landeskirchen in Deutschland waren, angenommen worden? Nach anfänglichen Vorbehalten der Pfarrer werden die Orientierungsgespräche gerade von der Pfarrerschaft als motivierend empfunden. Die Äußerungen reichen von: »Endlich kommt einer und nimmt mich und meine Arbeit wahr bis hin zur ausdrücklichen Unterstützung dieses Instruments.« Diese Orientierungsgespräche werden auf allen Ebenen durchgeführt. Ich führe beispielsweise zwölf Gespräche pro Jahr mit allen Oberkirchenräten des Badischen Oberkirchenrates und den beiden Prälaten. Die Oberkirchenräte führen ihrerseits mit ihren Dekaninnen und Dekanen und diese mit ihren Pfarrerinnen und Pfarrern ebenfalls diese Orientierungsgespräche.
2. Leitsätze-Prozess
Lassen Sie mich vorweg schicken, dass wir bewusst
diesen Prozess nicht, wie sonst häufig üblich, Leitbildprozess genannt haben, sondern wir
haben in einem längeren Prozess vielmehr Leitsätze erarbeitet. Ein Leitbild brauchen wir nicht.
Wir haben die biblischen Verheißungen Gottes als Leitbild des kirchlichen Handelns. Dieser Unterschied
markiert m. E. deutlich die theologisch zu definierende Grenze kirchlicher Leitbild-Diskussionen.
Diese Leitsätze wurden in einer breiten Basisbeteiligung erarbeitet, worauf die Synode, der Landeskirchenrat
und auch ich auch großen Wert gelegt haben. Wir haben sie zusammen mit einem Unternehmensberater erstellt, der mit außerordentlichem
Engagement diese Riesenaufgabe bewältigt hat. Auch für ihn war dies ein Lernprozess.
Er hat uns bestätigt, dass wir eine Werte- Gemeinschaft sind, die in großer Gemeinsamkeit
34 Leitsätze erarbeitet hat.
Lassen Sie mich auf die Ziele eingehen, die wir mit den Leitsätzen verfolgen:
Diese schwierige und herausforderte Aufgabe haben wir 1996 begonnen und im Jahr 2000 abgeschlossen.
3. Visitationsordnung
Im April 2000 hat die Landessynode die neue Visitationsordnung verabschiedet. Zur Beschreibung des Grundverständnisses heißt es u. a.: »Das Leben der Menschen in der Gesellschaft hat sich - gerade auch in religiöser Hinsicht - mehr und mehr verändert. Die Bindekräfte von Institutionen und Traditionen sind schwächer geworden. Für eine Kirche, die sich als offene Volkskirche versteht, stellt dies neue Herausforderungen dar, denen in der vorliegenden Form der Kirchenvisitation Rechnung getragen werden soll.«
Wir haben die Schwerpunkte der Visitation in Baden gegenüber der bisherigen Praxis deutlich verschoben:
Die Vorteile dieser Form von Visitation liegen nach unserer Auffassung in Folgendem:
Ich kann im Einzelnen nicht die Durchführung darstellen, möchte jedoch zu diesem Baustein abschließend auf das Kernziel der Visitation hinweisen: »Ziele zu vereinbaren.«
Zielvereinbarungen werden zwischen der Gemeinde und der Visitationskommission erarbeitet
und schriftlich festgehalten. Sie ermöglichen es, die Energien in der Gemeinde im Sinne des
Gemeindeaufbaus zukunftsorientiert zu bündeln. Sie helfen Missverständnisse und Unklarheiten zu
vermeiden und tragen zu konstruktiver Bearbeitung von Ziel- und Richtungskonflikten bei.
Die ersten Erfahrungen mit der neuen Visitationsordnung sind ermutigend. Wir werden auf diesem
Wege unsere Arbeit gemeinsam fortsetzen.
4. Vom Haushaltsplan zum Haushaltsbuch
Bereits in den neunziger Jahren hat der damalige Finanzreferent Oberkirchenrat Dr. Beatus Fischer den Haushalt von der Kameralistik auf ein Haushaltsbuch umgestellt.
Ich möchte nicht auf alle Einzelheiten dieses komplizierten und auch langwierigen Reformvorhabens eingehen. Lassen Sie mich jedoch die Ziele sagen, die wir mit diesem Paradigmenwechsel vom Haushaltsplan zum Haushaltsbuch verfolgen:
1. Transparenz
– Nachweis über Herkunft und Verwendung der Mittel
– Darstellung der Kosten kirchlichen Handelns
– Für alle kirchlichen Stellen ein bedarfsgerechtes und anwendbares EDV-Verfahren
– Förderung der Mitarbeit in den Gremien.
2. Vollständigkeit
– Fortlaufende Liquiditätsplanung
– Periodengerechte Darstellung des Ressourcenverbrauchs
– Erstellung einer mittelfristigen Finanzplanung
3. Etathoheit der Synoden bzw. Gremien
4. Definition der kirchlichen Handlungsfelder
5. Implementierung des Ressourcenverbrauchskonzeptes
6. Definition der qualitativen und quantitativen Zielvorgaben
7. Verknüpfung von Mittel-, Einsatz- und Zielvorgaben über ein Berichtswesen.
Außerdem versuchen wir eine Vergleichbarkeit herzustellen und arbeiten dabei im EKD-Rahmen intensiv an einem einheitlichen Kontenrahmen mit. Ferner setzen wir uns für EKD-einheitliche Begriffsbestimmungen und EKD-einheitliche Haushaltsgrundsätze und Bewerbungsvorschriften ein. Wir hoffen, damit einen Paradigmenwechsel herbeizuführen, der auch eine sachgerechte Kosten-Leistungs-Rechnung ermöglicht, die wir gegenwärtig mit Nachdruck verfolgen.
Ich gebe zu, dass wir bei diesem Paradigmenwechsel vom Haushaltsplan zum Haushaltsbuch noch nicht alles erreicht haben. Wir sind vielmehr »noch am Üben«, aber für uns ist auch hier der Weg das Ziel. Lassen Sie mich als Theologe hinzufügen, dass ich das von unseren Mitgliedern uns anvertraute Geld im Sinne einer guten biblischen Haushalterschaft zum Nutzen unserer Kirche und auch der Gesellschaft verwenden möchte. Dazu sollen adäquate und zeitgerechte Instrumente wie das Haushaltsbuch beitragen.
5. Bezirksstrukturreform
Vor der Bezirksstrukturreform hatte die Badische Landeskirche drei Kirchenbezirke. Angestrebt sind 26 Kirchenbezirke bis 2012.
Wir werden dabei die Hauptamtlichkeit der Dekane entgegen den Erfahrungen z.B. in unsere
Nachbarkirche Hessen und Nassau wieder abschaffen. Wir halten eine Gemeindeanbindung für
die jeweilige Dekanin, den jeweiligen Dekan für notwendig.
Unser »Zielfoto« sieht bis 2012 wie folgt aus:
Lassen Sie mich schließlich auf die Frage eingehen:
Was haben die Reformen gebracht? Aus meiner Sicht haben sie vor allen Dingen Kräfte freigesetzt und zu Synergien geführt, die ich beim
Start 1998 niemals für möglich gehalten hätte.
Wir haben in unserer Landeskirche auch eine gewisse Irenik, d.h. bei Kontroversen sprechen
und verhandeln wir solange miteinander, bis wir einen Kompromiss gefunden haben. Aber
dennoch kommt es vor, dass diese badische Irenik auch überstrapaziert wird. Kürzlich ist deshalb
von der Synode im Hinblick auf die Bezirksreform im Markgräfler Land eine Entscheidung
getroffen worden, die umstritten war und von den Markgräfler Synodalen nicht mitgetragen wurde.
Sie sehen, auch das geht. Dies ist jedoch die absolute Ausnahme. Wir haben in unserer Synode
keine kirchlichen Parteien oder Gruppierungen, sondern ringen vielmehr trotz unterschiedlicher
Auffassungen um den rechten Weg und die Erreichung sachgerechter geistlicher Ziele.
6. Kirchenkompass Balanced Score Card
Bevor ich auf die Einzelheiten eingehe, weise ich
mit Genugtuung daraufhin, dass wir eine relativ entspannte Finanzsituation haben. Der Haushalt
2004/2005 hat sogar mit einem Überschuss geschlossen. In zwei Jahren werden wir voraussichtlich
4 Millionen einsparen müssen, vielleicht auch etwas weniger. Ich will damit darauf hinweisen,
dass wir rechtzeitig durch einen gezielten
Planungsprozess unsere »Hausaufgaben« gemacht haben. Andere Landeskirchen, die bis zu 60 Millionen
einsparen müssen, sind erst auf diesen Wege.
Der Kirchenkompass als Planungsinstrument soll dazu dienen, die Entscheidungen für den landeskirchlichen Teil des Gesamthaushalts für alle Beteiligten transparenter zu machen. Wir beginnen diesen Prozess in der nächsten Woche im Oberkirchenrat. Ich verkenne dabei nicht, dass es noch erhebliche Ängste und Vorbehalte gibt, die wir jedoch im Laufe des Prozesses zu überwinden gedenken. Wir wollen mit diesem Prozess bis 2008 fertig sein.
Lassen Sie mich im Folgenden die biblischen Motive darstellen, die wir in diesem Prozess für die Zukunft unserer Landeskirche als leitend ansehen:
1. Die Evangelische Landeskirche in Baden weiß sich als Teil des wandernden Gottesvolkes (Hebr 4,9; 13,14) von Gott berufen. Auf dem Weg durch die Zeiten hin zum Ziel des Reiches Gottes steht sie unter der Verheißung der Gegenwart Christi bis ans Ende der Welt.
Unter dieser Perspektive nimmt die Evangelische Landeskirche in Baden ihren missionarischen Auftrag wahr, Gottes Leben schaffende Kraft und seine Zukunft eröffnende Liebe den Menschen in Wort und Tat einladend zu bezeugen. Ihre Orte entwickeln sich zur geistlichen Heimat für immer mehr Menschen, die hier Gemeinschaft pflegen, liebende Zuwendung finden und Gottesdienste feiern. Diese Gottesdienste sind bunt und lebendig, vielfältig in den Formen der Verkündigung und in ihrer musikalischen Gestaltung. Menschen jeden Alters werden in diesen Gottesdiensten gestärkt, finden Lebensorientierung und erfahren das Heilige.
Aus der Leidenschaft für das Wort Gottes entsteht ein evangelisches Wir-Gefühl. In einem Klima des Vertrauens wird gemeinsam Verantwortung für die ganze Kirche wahrgenommen. Die Bereitschaft zum Einsatz für die gemeinsame Sache des Glaubens wächst, weil sich die Mitarbeiterschaft team- und gabenorientiert einbringen kann. In einem ermutigenden Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen wird das Priestertum aller Glaubenden so überzeugend gelebt, dass immer mehr Menschen dieser Kirche gern angehören.
2. Als Haus der lebendigen Steine (1 Petr 2,5) schöpft die Evangelische Landeskirche in Baden ihre Gestaltungskraft aus einer demütigen Haltung, die sich der begrenzten Reichweite eigenen Planens und Tuns bewusst ist.
In bereichernder Selbstbegrenzung wandelt sich die Evangelische Landeskirche in Baden zu einer Kirche lebendiger geistlicher Orte. In den Ortsgemeinden begleitet sie Menschen an wichtigen Stationen ihres Lebens. Daneben treten zahlreiche nichtparochiale Gemeindeformen, die sich um unterschiedlich profilierte Zentren bilden. Von ihnen gehen spirituelle und diakonische, politische und gesellschaftliche Impulse aus. Orte, an denen vielfältige kirchliche Arbeit regional gebündelt wird, strahlen wie »Leuchttürme« weithin aus und motivieren zu Dienstgemeinschaften auf allen kirchlichen Ebenen. In nicht mehr für Gemeindegottesdienste genutzten Kirchen sind verstärkt christliche generationsübergreifende Wohngemeinschaften und diakonische Initiativen anzutreffen, in denen Gottes Option für die Armen praktisch gelebt wird. Für diesen Weg zu einer Kirche lebendiger geistlicher Orte setzt die Landeskirche das ihr anvertraute Geld verantwortungsvoll ein. Zugleich ist sie vorbereitet auf den Rückgang der Kirchensteuer. Sie hat alternative Finanzierungskonzepte entwickelt, mit deren Hilfe Bewährtes fortgeführt und Neues gewagt werden kann. Den Fortbestand ihrer gegenwärtigen Strukturen hält sie nicht für prioritär, sondern setzt sich engagiert für grundlegende Veränderungen im deutschen und europäischen Protestantismus ein.
3. »Solchermaßen in sich einig und mit allen Christen in der Welt befreundet« weiß sich die Evangelische Landeskirche in Baden als Glied des weltweiten Leibes Christi (Röm 12; 1 Kor 12). Die ökumenische Gemeinschaft der Kirche erlebt sie im Miteinander mit Kirchen an anderen Orten der Welt ebenso wie mit Kirchen anderer Konfessionen im eigenen Land. Mit ihnen zusammen bildet sie eine ökumenische Lerngemeinschaft.
In einer Kultur des Dialogs trägt die Evangelische Landeskirche in Baden dazu bei, das Christliche in unserer wie in der Weltgesellschaft lebendig zu erhalten. Wissend um die Vielfalt ihrer Quellen, aus der sie sich speist, bringt sie das eigene evangelische Profil und die Schätze der eigenen Tradition selbstbewusst ein. Sie nimmt Fragen der Zeit auf, regt Menschen zum Lesen der Bibel und zu ihrer Auslegung an, und befähigt sie, ihren Glauben in der Sprache der Gegenwart zu bezeugen, ihn weiterzugeben und ihm mit der ganzen Person Ausdruck zu verleihen. Dabei lässt sie sich vom Respekt gegenüber anderen christlichen Konfessionen leiten und weiß sich in ihrer ökumenisch orientierten Bildungsarbeit eingebunden in die Lerngemeinschaft der weltweiten Kirche Jesu Christi. In Gemeinden und Bildungseinrichtungen bildet sie in ökumenischer Arbeitsteilung generationsübergreifende Erzählgemeinschaften des Glaubens, stärkt Piloteinrichtungen mit hoher überregionaler Ausstrahlung, engagiert sich im verstärkt konfessionsverbindenden Religionsunterricht, investiert in die eigene kirchliche Bildungsarbeit und unterstützt die anderer mit ihr ökumenisch verbundener Kirchen.
4. Als Salz der Erde (Mt 5,13) hat die Evangelische Landeskirche in Baden Anteil an dem Auftrag die »Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk« (Barmen 6) und damit für Gottes gnädige Gerechtigkeit in allen Bereichen des Lebens einzutreten.
Mit ihren unterschiedlichen Diensten ist die Evangelische Landeskirche in Baden für alle Menschen da - für Glaubende und Suchende, für Fragende und Zweifelnde, für nahe und Distanzierte. Mit ihrer Arbeit wirkt sie heilend, versöhnend und wegweisend in der Gesellschaft. In Dienstgemeinschaften von spirituell und sozial kompetenten Haupt- und Ehrenamtlichen, selbstständig oder in Gemeinschaft mit nichtkirchlichen Organisationen und unter Aufnahme überparteilicher Angebote eröffnet sie Räume zur Gestaltung des Lebens in Frieden und Gerechtigkeit und zur Bewahrung der Schöpfung.
Damit macht sie Gottes gnädige Gerechtigkeit im gesellschaftlichen Alltag wie im persönlichen Leben erfahrbar. Sie begleitet Menschen seelsorgerlich und diakonisch durch Höhen und Tiefen ihres Lebens. Sie weiß sich in der Einen Welt den Menschen in nah und fern verbunden, hilft, die Teilhabe aller an den Gaben der Schöpfung zu ermöglichen und Not zu lindern. Ihre diakonische Arbeit im eigenen Land findet in und durch Gemeinden statt. Die diakonischen Einrichtungen haben eine missionarische Ausstrahlung, weil in ihnen die Einheit von Verkündigung durch Wort und Tat eindrücklich erfahren wird.
7. EKD-Strukturreform
Auf diesem Gebiet hat die Badische Landeskirche, und darauf sind wir stolz, einen erheblichen Beitrag geleistet. Mein Vorgänger Landesbischof Dr. Engelhardt hat als EKD Ratsvorsitzender bis 1997 mit Engagement und Leidenschaft auf diesem Gebiet gearbeitet. Ich habe diese Aufgabe als Herausforderung übernommen und fortgesetzt.
Ich kann Ihnen heute sagen, dass wir stolz auf den Vereinigungsprozess der EKD, UEK und der VELKD sind und auch mit Genugtuung darauf sehen, dass dieser Prozess in knapp vier Jahren gelungen ist. Dies ist ein für kirchliche Verhältnisse einmaliger Erfolgs-Vorgang.
1997 wurde ein so genanntes Rheinschienen-Papier auf den Weg gebracht, an dem ich für die Badische Landeskirche u.a. mitgewirkt habe. Für die EKHN war der damalige Frankfurter Pfarrer Dr. Pausch (heute Oberkirchenrat im Kirchenamt der EKD) beteiligt. In diesem Rheinschienen-Papier haben wir konkrete Vorschläge gemacht, die dann in die Ergebnisse des Gesamt-Prozesses Eingang gefunden haben. Im UEK-Prozess wurden dann auch Impulse aus diesem Rheinschienenpapier aufgenommen. Ferner wurde - nicht zuletzt auch dank der Initiative von Kirchenpräsident Professor Dr. Steinacker von der EKHN - eine Bestandsüberprüfung der UEK für das Jahr 2008 vereinbart, um eine Verfestigung der neuen Strukturen zu verhindern.
II.
Lassen Sie mich abschließend auf einige Bedingungen eingehen, die ich für das Gelingen von Reformprojekten als wesentlich ansehe.
1. Gute Kommunikation der Leitungsgremien
Neben der Motivation und Leidenschaft für das Gelingen müssen die Leitungspersonen für eine
störungsfreie Kommunikation zwischen den Leitungsorganen sorgen. Ich kann sagen, dass diese
Kommunikation unserer Leitungsorgane Oberkirchenrat, Landessynode, Landeskirchenrat und
Bischof gut funktioniert. Dies ist die wesentliche Grundlage für eine erfolgreiche Reformarbeit.
2. Einbeziehen der relevanten Ebenen
Lassen Sie mich das am »Kirchenkompass« deutlich machen. Bei diesem Prozess werden nicht
alle Gemeindepfarrer/innen und alle Gemeinden miteinbezogen. Dies führte zu einem
unendlichen Prozess und einer strukturellen Dauerbeschäftigung in der Landeskirche. Der »Kirchenkompass«
betrifft aus meiner Sicht zunächst nur die landeskirchliche und die mittlere Ebene.
Deshalb ist es wichtig, zur rechten Zeit die richtigen Ebenen zu beteiligen; zu sehen, wo die Schmerzgrenzen der
jeweiligen Beteiligten liegen, auszutarieren und auszuloten, was sie bereit sind
im Interesse der Sache beizutragen und dann zu einem sachgerechten Ergebnis zu kommen, das nicht nur
kurzfristig Bestand haben kann. Für die Badische Landeskirche sind demokratische
Verhältnisse notwendig und wichtig, zu vermeiden ist aber eine ausufernde Basisdemokratie, die alle bei
allem beteiligen möchte.
3. Erkennbarer Wille zur Leitung
Die Basis und die Kirche muss erkennen und sehen, dass die Leitungsorgane und insbesondere
der Bischof die Reformen wollen. Hilfreich ist dabei, sich im Geiste ein Zielfoto vorzustellen.
Dabei sollten Elemente dieses Zielfotos benannt werden. Aber ich betone auch, dass ein gewisser
Mut zur Unschärfe vorhanden sein sollte. Ich lehne jeden Perfektionismus ab, man braucht
nicht jedes Ziel »bis zur fünften Stelle hinter dem Komma durchzudeklinieren«. Um der Menschen
Willen und ihrer Erwartungen und auch ihrer Ängste habe ich gelernt, dass diese Unschärfe
hilfreich ist und dass man dazu den entsprechenden Mut und Gottvertrauen aufbringen muss.
4. Entschleunigung
Über Risiken und Nebenwirkungen sollte vor Beginn der Reformen gründlich nachgedacht
werden. Diese Risiken und Nebenwirkungen, soweit sie erkennbar sind, sollten auch konkret
von den Verantwortlichen benannt werden. Dazu gehört für eine Kirche auch die Theologie als
leitend mit einzubeziehen. Ohne Theologie kann und darf es nicht gehen, aber die Theologie muss
sich auch den aktuellen und künftigen Herausforderungen stellen und im Zusammenwirken mit
Organisations- und Sozialwissenschaften sowie Kirchenrecht das Machbare möglich machen.
Nicht zuletzt spielt eben das uns von den Kirchenmitgliedern anvertraute Geld eine entscheidende
Rolle. Unter Einbeziehung all dieser Faktoren führen manche Prozesse dann erfolgreicher
zum Ziel, wenn ich sie nicht ständig forciere, sondern gerade um der Betroffener willen auch hin und wieder entschleunige, wie z. B. bei der
Bezirksstrukturreform.
5. Weiche Faktoren
Nicht zu unterschätzen sind die weichen Faktoren. Dazu gehört z. B., dass man die Menschen
dort abholt, wo sie sind. Die Sprache spielt dabei eine maßgebliche Rolle. Leute besiegen zu
wollen in Abstimmungen oder in Diskussionen ist der falsche Weg. Der Erfolg hat vielmehr viele Mütter
und Väter.
Ich habe auch gelernt, vom Anderen her zu denken und dabei zu lernen. Dies ist mir besonders deutlich geworden im Prozess der EKD mit der VELKD.
Dieses Referat wurde von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer (Evangelische Landeskirche in Baden) auf der 3. wissenschaftlichen Tagung am 17./18. Februar 2006 in der Evangelischen Akademie Bad Herrenalb gehalten. Die Jahrestagung 2006 stand unter dem Motto "Aus Fehlern lernen? Scheiternde Projekte in einer lernenden Kirche" und beschäftigte sich mit den Erfolgsbedingungen von Kirchenreformprojekten. Weitere Beiträge sind erschienen in der epd-Dokumentation 18/2006.
Der Autor Dr. theol. Ulrich Fischer ist seit 1998 Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Baden; seit 2003 Vorsitzender der Union Evangelischer Kirchen in der EKD (UEK). Seit 2004 Vorsitzender des Verwaltungsrats des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP). Vorher war er von 1989 bis 1995 Landesjugendpfarrer der Evangelischen Landeskirche in Baden, von 1993 bis 1996 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in der Bundesrepublik Deutschland (aej) und von 1996 bis 1998 Dekan des Kirchenbezirks Mannheim.