Prenzlauer Berg Nord (Berlin)
Volkskirchliche Aufbrüche einer Ostberliner Kirchengemeinde
Ein Beitrag
von Constanze Scherz in
Kirchenreform
strategisch!
Am
1. März 2001 schlossen sich die zuvor selbständigen Kirchengemeinden Elias,
Gethsemane, Paul-Gerhardt und Segen selbst bestimmt zur evangelischen
Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord zusammen. Ziel dieses Zusammenschlusses war
laut Fusionsvertrag „die Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi und die
gemeinsame Wahrnehmung des Auftrages“ wie er in der Grundordnung der ehemals
Berlin-Brandenburgischen Landeskirche beschrieben war. Entstanden ist die mit über
12.000 Gemeindegliedern (in 2006) größte Kirchengemeinde im Kirchenkreis
Berlin Stadtmitte, die heute – fünf Jahre nach der Fusion – sichtbar
neue Wege beschritten hat: Der Handlungsspielraum des Gemeindekirchenrates
konnte durch den gemeinsamen Haushalts- und Stellenplan flexibilisiert werden,
die Konzentration von Ressourcen konnte Qualität und Quantität der
gemeindlichen Angebote sichern und teilweise sogar verbessern[1],
zentrale Gottesdienste, v.a. an kirchlichen Festtagen (1. Advent,
Reformationsfest) und zu besonderen gemeindlichen Anlässen (Einführung von
MitarbeiterInnen und Gemeindekirchenrat, Schuljahresanfangsgottesdienst) sowie
ein einheitliches Erscheinungsbild der Kirchengemeinde im Corporate Design
(offizielles Logo, Gemeindebrief etc.) haben das Bewusstsein der
Gemeindeglieder, EINER Gemeinde anzugehören, befördert.
So
wie sich die Kirche stets auf dem Weg befindet, ist auch die Fusion der
Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord ein Prozess. Der Erfolg dieses Prozesses
wird einerseits durch die kirchenpolitischen Entwicklungen mitbestimmt und wird
sich andererseits daran messen lassen müssen, inwieweit es gelingt, auf die
Spezifika der Sozial- und Bevölkerungsstrukturen im Berliner Stadtteil
Prenzlauer Berg einzugehen. Ich hoffe, mit meinem Beitrag die Chancen des
Fusionsprozesses aufzeigen zu können und dabei die Schwierigkeiten und Risiken
nicht zu verheimlichen. Wenn es gelingt, auch aus den historischen Erfahrungen
der Gemeinden, aus denen Prenzlauer Berg Nord hervorgegangen ist, zu lernen, ist
ein deutlicher Weg zur Gestaltung der gemeindlichen Zukunft vorgegeben; dann
kann dieser Beitrag ein „Orientierungslicht auf dem Weg“ unserer Kirche
sein, wie es sich die EKD in ihrem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ wünscht.
1. Das regionalisierte Fusionsmodell
Die Fusion eigenständiger Gemeinden zu einer neuen Gemeinde orientierte sich in unserem Fall an einer bestimmten (örtlichen) Region des Berliner Stadtteils Prenzlauer Berg: Die im Süden gelegene Segenskirche, an der großen Verkehrsstraße Schönhauser Allee „burgähnlich“ in die Häuserzeile eingebaut; die Eliaskirche in der Nähe des Helmholtzplatzes, einem Platz, der vom Land Berlin als zu förderndes (soziales) Sanierungsgebiet eingestuft worden war; die repräsentative, einzig freistehende Gethsemanekirche, die seit 1989 weit über die Grenzen Berlins bekannt ist; die Paul-Gerhardt-Kirche am nördlichen Rand des Prenzlauer Berges, die mitgliederstärkste Gemeinde unter den vieren. Vertreter aller vier Gemeinden (mit jeweils zwischen ca. 2.500 und 4.000 Gemeindegliedern) hatten in einem ausführlichen Gesprächsprozess erkannt, dass sie sich mit ihren spezifischen Erfahrungen bereichern könnten und gemeinsam strukturellen Defiziten in der Zukunft besser gewachsen wären.
Zum
Zeitpunkt der Fusion war eine Kirche – die Eliaskirche – an
das Kinder-Mach-Mit-Museum schon dauerhaft verpachtet wurden, die dortige
Gemeinde war mit ihren Gottesdiensten in den repräsentativen Kuppelsaal[2]
umgezogen. Als die Fusion beschlossen wurde, gab es – ebenfalls im
Gemeindebereich Elias – keinen eigenen Pfarrer, so dass auch die
Herausforderung, drei Pfarrer für vier Gottesdienststandorte verantwortlich zu
zeichnen, durchaus ein Fusionsanlass war. Da die Gemeinde auch nach der Fusion
stetig wuchs[3] und sich der
Gemeindekirchenrat und insbesondere die Vertreter aus dem Gemeindebereich Elias
für einen „eigenen“ Pfarrer einsetzten, wurde die vierte Pfarrstelle schon
bald neu besetzt.
Nachdem
2001 ein gemeinsamer Gemeindekirchenrat[4]
gewählt worden war, ein gemeinsamer Haushalts- und Stellenplan aufgestellt
worden war, die Zuständigkeiten der Mitarbeiter- und Pfarrschaft (teilweise)
neu zugeordnet worden waren und in offiziellen Papieren erstmals von WIR
gesprochen wurde, erkannten sowohl die Verantwortlichen im Leitungsgremium als
auch die Mitarbeiter- und Pfarrschaft, dass das Zugehörigkeitsgefühl der
Gemeindeglieder stärker an Standorte gebunden war als zunächst gedacht. Bis
heute wird an den vier Gottesdienststandorten festgehalten, um allen,
insbesondere denjenigen, die in „ihre“ Kirche zum Gottesdienst gehen möchten,
gerecht zu werden.
Schwieriger
zeigt sich die Fusion in denjenigen Arbeitsbereichen, wo personelle und
finanzielle Entlastungen erhofft wurden und die damit verbundenen Veränderungen
im eigenen Tun bislang noch an Grenzen stoßen und teilweise zurecht hinterfragt
werden müssen. Ein Beispiel: Jeweils zwei Pfarrer übernehmen einen
Konfirmationsjahrgang und begleiten die Jugendlichen zwei Jahre bis zur
Konfirmation. Der Konfirmandenunterricht findet meist an einem Ort statt, so
dass Jugendliche, die ggf. in einer der anderen Kirche getauft wurden, nun den
Weg in ein anderes Kirchgebäude finden. Die Konfirmation selbst findet immer in
der Gethsemanekirche statt, da sie das festlichste Gebäude ist und mit Abstand
die meisten Menschen fassen kann. Es ist sicherlich positiv, dass junge Menschen
so, auf selbstverständliche Weise, in die fusionierte Gemeinde wachsen. Auch
die drei Pfarrer und eine Pfarrerin werden durch die beschriebene Arbeitsteilung
zumindest teilweise in ihren vielfältigen Verantwortlichkeiten entlastet. Und
schließlich begleitet die ganze Gemeinde im zentralen Konfirmationsgottesdienst
die Jugendlichen auf ihrem weiteren Weg. Aber welche Folgen hat die
„Beheimatung“ der Jugendlichen an einem anderen Ort als an dem, wo sie groß-
und hineingewachsen sind? Welche Rolle spielt der Ort überhaupt für die
Identifikation mit der Gemeinde?
Solche
und vergleichbare Fragen werden nur im Laufe der Zeit zu beantworten sein.
Wichtig scheint, dass die Fragen gestellt werden und der Weg des
Zusammenwachsens offen und flexibel begleitet wird. Diesen Lernprozessen wird
insbesondere auf den regelmäßigen Klausurtagungen des Gemeindekirchenrates
(auch mit professioneller Begleitung) nachgegangen. In welchem Verhältnis
stehen die Mitglieder der ehemals selbstständigen Kirchengemeinden zur neu
geschaffenen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord? Was bringt wer ein? Und warum
sind manche gemeindlichen Angebote vielleicht doch klar an bestimmte Standorte
gebunden?
Der
Gemeindekirchenrat ist gemeinsam mit Mitarbeitern und Pfarrern zu der Einsicht
gelangt, dass nur die Berücksichtigung der „gewachsenen Vielfalt“ die
Einheit der Gemeinde befördern kann. Um möglichst viele Menschen am Auf- und
Ausbau der EINEN Gemeinde zu beteiligen, wurde die Leitbilddiskussion für alle
interessierten Gemeindeglieder geöffnet, indem in den besonders wichtig
angesehenen Arbeits- und Zukunftsfeldern Gruppen eingerichtet wurden, zu deren
Mitgestaltung ausdrücklich eingeladen wurde und deren mögliche
Arbeitsergebnisse in die Entscheidungen des Gemeindekirchenrates Eingang finden
sollen. Diese, als besonders wichtig erachteten Handlungsfelder stehen unter den
Überschriften „Gaben und Ehrenamt“, „Spiritualität“,
„Kommunikation“, „Kinder“ und „Soziales“.
Das
regionalisierte Fusionsmodell – wie es Prenzlauer Berg Nord gewählt
hat – erlaubt und wünscht einen Erkenntnisprozess bei denen, die für die
Gemeinde Verantwortung tragen. Erhofft wird, dass dieser Erkenntnisprozess die
Stabilität und das Zusammengehörigkeitsgefühl langfristig stärkt und sich
motivierend und strukturierend auf die Zusammenarbeit von Gemeindeleitung,
Mitarbeiterschaft und Ehrenamtlichen auswirkt.
1.1. Herausforderung: Geburtenstärkster Bezirk Europas
Häufig
ist es im „Alltagsgeschäft“ des gemeindlichen Lebens schwierig, diese
mittel- bis langfristig formulierten Ziele kontinuierlich zu verfolgen.
Rahmenbedingungen, die harten „Zahlen, Daten, Fakten“ schreiben ihre eigenen
Handlungsstränge und erfordern viel Kraft und Zeit. Als herausragendes Beispiel
sei an dieser Stelle die Arbeit mit Kindern in der Gemeinde genannt. Zum Glück
muss sich Prenzlauer Berg Nord keine Nachwuchssorgen machen! Vielmehr sind wir
besorgt, ob wir den Anforderungen an Angeboten für Kinder und deren Familien
heute und zukünftig gerecht werden können.
Der
Stadtteil Prenzlauer Berg gilt als geburtenstärkster Bezirk Europas: Während
im Rest der Bundesrepublik die Geburtenrate bei 1,4 liegt, beträgt sie im
Prenzlauer Berg 2,1 (2004). In den letzten 10 Jahren hat der Anteil an Kindern
unter drei Jahren um fast ein Drittel zugenommen. Tatsächlich weisen Zahlen des
Statistischen Bundesamtes Berlin aus, dass die Geburtenrate nur deshalb
besonders hoch ist, da 38 % der Einwohnerinnen von Prenzlauer Berg zwischen
20 und 35 Jahre alt ist. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Struktur
der Kirchengemeinde wider: 75 % der Gemeindeglieder sind zwischen 21 und 45
Jahre alt, weitere 5 % sind Kinder und Jugendliche bis 21 Jahre, Tendenz
steigend. Auch die gemeindlichen Amtshandlungen bestätigen diese veränderte
Gemeindeglieder- und Altersstruktur. Während die Beerdigungszahlen von Jahr zu
Jahr sinken, hat sich die Anzahl der Kinder- und Erwachsenen(!)taufen seit dem
Jahr 2000 verdoppelt, Trauungen haben zugenommen.
Zwei
hauptamtliche Mitarbeiter für die Arbeit mit Kindern und die Arbeit mit
Jugendlichen sowie zahlreiche Ehrenamtliche kümmern sich um ein
abwechslungsreiches Angebot für diesen Nachwuchs und ihre Familien. Neben
Kinder- und so genannten Krabbelgottesgottesdiensten, Christenlehre
(freiwilliger Religionsunterricht im Vorkonfirmandenalter), Kinder- und
Familienfreizeiten sowie Beratungsangeboten wurde im Jahr 2006 eine
„Singschule“ gegründet, die die musikalischen Angebote für Kinder und
Jugendliche bündelt. So bietet die Gemeinde gegen einen kleinen freiwilligen
Obolus unter Leitung der Kirchenmusikerin und der Kirchenmusiker vom
„Minisingen“ für die ganz Kleinen, über verschiedene Mädchen- und
Jungenchöre bis hin zum Jugendchor und der großen Kantorei derzeit neun
verschiedene Chöre und Ensembles an. Gerade bei diesen Angeboten hat sich
gezeigt, dass sie auch gemeindefremde Menschen ansprechen, beziehungsweise
diejenigen, die zwar Gemeindeglieder sind, jedoch selten oder gar nicht am
gemeindlichen Leben teilnehmen. Der „gefühlte Zulauf“ von Kindern und
jungen Familien scheint meist höher als es die tatsächlichen Zahlen vermuten
lassen: Von den 12.810 Gemeindegliedern (Oktober 2006) sind 910 im Alter bis 21
Jahre, dagegen 6.841 im Alter von 21 bis 35 Jahren.
1.2. Bunter Bezirk – bunte Milieus
Der
„junge“ Bezirk Prenzlauer Berg ist kein einheitliches soziales Gefühle. Wie
überall finden sich auch hier unterschiedliche Milieus, Menschen
unterschiedlicher Herkunft und Situierung. Durch die zügige (private) Sanierung
der meisten Wohnhäuser im Bezirk nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990,
stiegen auch die Mieten und alteingesessene „Prenzlberger“ mussten teils in
billigere Wohngegenden umziehen. Nachgezogen sind vor allem junge Akademiker,
die einst zum Studium nach Berlin kamen, die Gegend kennen und lieben lernten
und schließlich blieben. Der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg zeigt sich
heute als bunte Mischung von jungen Familien, gut verdienenden Single-Haushalten
und echten Berliner Senioren.
Die
veränderte sozio-ökonomische, politische und gesellschaftliche Struktur der
Bevölkerung läuft nicht ohne Probleme und Konflikte ab. Einige Milieus
scheinen die „Deutungshoheit“ (Pierre Bourdieu) für sich entschieden zu
haben. Dabei lässt sich der Bevölkerungswandel der 1990er-Jahre verkürzt mit
den Begriffspaaren Neubürger = „Wessi“ und Alt-Prenzlauer-Berger =
„Ossi“ benennen. Und auch in der Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord schlägt
sich diese Entwicklung nieder: Ca. 50 % der Gemeindeglieder sind
westsozialisierte Christinnen und Christen.
Wahrzunehmen
sind unterschiedliche Interessen ostsozialisierter und westsozialisierter
Christen an der Gemeinde und Kirche. Ostsozialisierte Christen praktizieren eher
ein bewusst bekenntnis- und beteiligungsorientiertes Christsein, wohingegen
westsozialisierte Christen vor allem bei Amthandlungen von ihrer Kirche Gebrauch
machen. Natürlich handelt es sich hier um eine sehr grobe Schematisierung. Sie
verdeutlicht aber hoffentlich, dass die Gemeinde herausgefordert ist, den
Reichtum der unterschiedlichen Interessengruppen füreinander und für den
Gemeindeaufbau nutzbar zu machen. Die Gemeinde steht vor der Aufgabe, die
Anliegen der Neuzugezogenen noch stärker zu berücksichtigen und die Vielfältigkeit
ihrer Lebens- und Glaubensart als Reichtum zu erfahren. Aber auch die sichtbaren
sozialen Unterschiede zwischen den wohlhabenden Ledigenhaushalten und den
Sozialschwachen müssen in der Gemeinde thematisiert und durch solidarisches
Tragen von Lasten ausgeglichen werden.
2. (Kirchen)politische Herkunft
Immer
wieder zeigt sich in Verhandlungen und Überlegungen, wie wir zukünftig
Gemeinde gestalten wollen, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der
Gemeinde wesentlich auf Erfahrungen aus der Vergangenheit beruht. Dies gilt
sowohl für die interne Entwicklung und Strukturierung als auch für die Außenwirkung
der fusionierten Gemeinde, die mit dem friedlichen Umbruch 1989 bekannt wurde
und nach der Fusion – zumindest im Kirchenkreis – als Beispiel einer geglückten
Gemeindezusammenlegung gilt.
Die
Erfahrungen aus den Jahren 1989/90 sind wesentlicher Bestandteil des kollektiven
Gedächtnisses der Gemeinde Prenzlauer Berg Nord. Auf ihren Wegen hinaus - aus
den Kirchräumen in die pulsierende Gesellschaft Berlins -, zeigt sich
immer wieder, dass die Macht, die den betenden und wachenden Menschen im Herbst
1989 unter anderem in der Gethsemanekirche (unerwartet) zuteil wurde, Spuren im
Handeln und Denken hinterlassen hat: Beten ist Macht! Als die USA und ihre
Alliierten 2003 den Irak bombadierten, wurden die alten Transparente „Wachet
und betet“ wieder an die Gemeindehäuser und Kirchen der Gemeinde gehängt. In
der Gemeinde abgehaltene Friedensgebete haben mal mehr, mal weniger, in jedem
Fall aber kontinuierlichen Zulauf.
Das
„kollektive Gedächtnis“, wie es der französische Philosoph und Soziologe
Maurice Halbwachs beschrieben hat[5],
bezeichnet die kollektive Gedächtnisleistung einer Gruppe von Menschen. In
einer Weiterentwicklung dieses Begriffs spricht der Soziologe Jan Assmann von
„kulturellem Gedächtnis“[6],
das sich dadurch auszeichnet, dass persönliche Erinnerungen Einzelner nicht nur
vom eigenen Erleben geprägt werden, sondern immer auch Teil größerer
Zusammenhänge, von denen sie beeinflusst werden, sind. Das kollektive Gedächtnis
der Gemeinde Prenzlauer Berg Nord also (und aller Gemeinden, deren Geschichte
eng mit den Erfahrungen des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs von
1989/90 verbunden ist) zehrt von gemeinsamen Erfahrungen aus der damaligen Zeit
und hat eine lebendige Erinnerungsgemeinschaft ausgebildet, die auch diejenigen
einbezieht, die das eigentliche Geschehen, ihre Mahnwachen, Runden Tische, ihr
Hoffen und Beten, nicht direkt miterlebt haben.
Wenn
wir uns nun noch einmal in die 1980er-Jahre zurückversetzen, muss berücksichtigt
werden, dass nur ein kleiner geschichtlicher Ausschnitt – der vielleicht
allgemein bekannteste – wiedergegeben wird: Die Gethsemanekirche war
Treffpunkt für so genannte „Oppositionelle“ geworden. In den Gemeinderäumen
und der Kirche trafen sich Vertreter der DDR-Friedensbewegung, veranstalteten Fürbittgottesdienste,
Friedensgebete und initiierten öffentliche Diskussionsrunden, vor allem zum
Kirchentag 1987. Nach Verhaftungen anlässlich der Rosa-Luxemburg-Demonstration
im Januar 1988, dem Ausschluss von Schülern der Ossietzky-Oberschule im Herbst
1988 und nach dem Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 fanden in
der Kirche verstärkt Informations- und Diskussionsveranstaltungen statt. Ab 2.
Oktober 1989 war das Haus schließlich rund um die Uhr für Mahnwachen geöffnet.
Nach dem Rücktritt der alten DDR-Regierung stand die Kirche den neu
entstehenden Parteien und Bürgerbewegungen zur Verfügung. Es wurde außerdem
ein Kontakttelefon eingerichtet; so konnten Informationen über gewaltsame Übergriffe
oder Verhaftungen während der Oktobertage für den gemeinsamen Protest
zusammengetragen werden.
Der
Gemeindekirchenrat der damaligen Gethsemanegemeinde hatte in dieser Zeit vor der
Frage gestanden: „Öffnen wir unsere Kirche für all diese Anliegen? Ja oder
nein?“ Nach einer aufreibenden Sitzung beteten die Gemeindevertreter
miteinander, um schließlich einstimmig zu beschließen: „Ja, wir öffnen
unsere Kirche!“ Man entschied sich damals für das Bibelzitat „Wachet und
betet“, wie es Jesus seinen Jüngern im Garten Gethsemane gesagt hatte.[7]
Es gab allen Verantwortlichen Mut und die Zuversicht, im Glauben und Handeln
geborgen zu sein. Und das Ergebnis war ein gutes: Als Teil einer landesweiten,
mutigen und kirchenübergreifenden Bewegung konnte die Gethsemanegemeinde dazu
beitragen, dass das alte DDR-Regime fiel. Im März 1990 traf sich die erste frei
gewählte Volkskammer der DDR zum Gottesdienst in Gethsemane. Auch andere, heute
in der Gemeinde Prenzlauer Berg Nord zusammengeschlossene Gemeinden, haben ihre
„Geschichte“ aus dieser Zeit.
Erwähnt
sei an dieser Stelle, dass insbesondere die Geschlossenheit des damaligen
Kirchenkreises „Berlin Stadt III“ (Teile von Prenzlauer Berg und Mitte) und
die engagierte Unterstützung durch den ehemaligen Superintendenten Görig, die
Opposition stärkte. Am damaligen Sitz des Superintendenten, im heutigen
Gemeindebereich Elias, gründete sich der von Pfarrern moderierte „Runde Tisch
Prenzlauer Berg“. In den ersten Jahren nach der politischen Wende konnte die
Gemeinde von diesem politischen Engagement profitieren. Viele – vormals eher
kirchenfremde Menschen – fühlten sich dieser Gemeinde zugehörig. Bis heute
mag das ein Grund (neben anderen) sein, der insbesondere die Gethsemanekirche
jeden Sonntag recht gut gefüllt sein lässt.
Auch
wenn die soziale und politische Situation in Berlin und Deutschland heute andere
Handlungsfelder nahe legt, so zehrt die Gemeinde doch von diesen Erfahrungen:
Der Gemeindekirchenrat hat in seinem Leitbild die politische Diakonie als
wichtigen Aspekt gemeindlicher Arbeit festgeschrieben. Demnach bedeutet
„politische Diakonie“ angesichts der anhaltend hohen Zahl arbeitsloser
Menschen, der Altersarmut, Obdachlosigkeit und Vereinsamung von Menschen in
unserer Gemeinde und unserem Stadtteil, dass wir die diakonische Seite unseres
Christseins stärker betonen möchten. „Wir wollen unseren Reichtum, auch
unseren Reichtum an Wissen teilen. Wir wollen Arbeitsmöglichkeiten für
Menschen schaffen und ansonsten ihre Bemühungen um Arbeit fördern. Wir wollen
in Abstimmung mit den vorhandenen Einrichtungen und Akteuren sinnvolle zusätzliche
Angebote machen. Wir wollen Seelsorge und Besuchsdienste fördern.“[8]
In
2005 und 2006 gelang es, in dieser Hinsicht ein Paar „handfeste“ Angebote
ins Leben zu rufen. In Zusammenarbeit mit der „Berliner Tafel e.V.“,
dem Rundfunk Berlin-Brandenburg und der Landeskirche
entstand die Aktion „Laib und
Seele“. Unsere Gemeinde beteiligt sich an dieser wöchentlichen
Lebensmittelausgabe für bedürftige Menschen. Wer seinen Sozial-, Arbeitslosen-
oder Rentenbescheid zeigt und einen Euro bezahlt, erhält ein Paket mit frischen
und haltbaren Lebensmitteln, die zuvor von Ehrenamtlichen und Mitarbeitern der
„Berliner Tafel e.V.“ in Supermärkten und Restaurants eingesammelt wurden.
Kamen am Anfang ca. 50 Menschen, hat sich die Zahl innerhalb weniger Monate
vervierfacht. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter unserer Gemeinde bedauerten schon
bald, dass sie bei dieser durchorganisierten Form der Lebensmittelausgabe nur
wenig Möglichkeit hatten, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Der
gemeindlichen Arbeitsgruppe „Soziales“ ist es zu verdanken, dass die
Gemeinde das „Kiezfrühstück“ ins Leben rief, zu dem einmal im Monat
samstags an schön gedeckte Tische in den Elias-Kuppelsaal eingeladen wird. Bei
einem guten Frühstück sollen sich alle, Menschen aus dem Stadtteil und
Gemeindeglieder, eingeladen fühlen, miteinander ins Gespräch zu kommen, den
Alltag zu verlassen und – wer mag – professionelle Beratungsangebote von
Juristen, Sozialarbeitern, Psychologen und Pfarrern wahrzunehmen.
Wichtig
für das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Außenwirkung der Gemeinde war
auch der Ökumenische Kirchentag 2003 in Berlin. Schon früh war der
Gemeindekirchenrat von der katholischen Laieninitiative „Kirche von unten“
angefragt worden, ob in der Gethsemanekirche zwei Gottesdienste – ein
katholischer Gottesdienst mit katholischer Eucharistie-Feier, zu der
evangelische Christen eingeladen wurden, und ein evangelischer
Abendmahlsgottesdienst mit gemeinsamem Mahl, zu dem katholische Christen
eingeladen wurden – stattfinden könnten. Die Kirchenleitungen der
Evangelischen Kirche Deutschland und der Katholischen Kirche Deutschland hatten
in ihren Planungen des Kirchentages diese gemeinsamen Abendmahls- bzw.
Eucharistiefeiern ausdrücklich ausgeschlossen; eine wichtige Vereinbarung für
beide Seiten, die den Ökumenischen Kirchentag in dieser Form erst zustande
kommen ließ. Die Gemeindeverantwortlichen waren also nicht nur gefragt, ob sie
sich diese Gottesdienste theologisch und organisatorisch zutrauten, sondern
vielmehr, ob sie sie angesichts guter ökumenischer Kontakte zu den Berliner
Nachbargemeinden als „kirchenpolitisch“ vertretbar erachteten. Nach
intensiven Diskussionen entschied der Gemeindekirchenrat schließlich auf seiner
Sitzung im Oktober 2002, diese Gottesdienste in Kooperation mit der Initiative
„Kirche von unten“ durchzuführen.
In
einer Erklärung der Pfarrschaft wurde dieser Schritt, „warum wir an der
gegenseitigen Einladung zum Tisch des Herrn festhalten“ theologisch begründet:
„1. Die Kirche ist das Zeugnis der Einheit der getrennten und unversöhnten
Welt schuldig; 2. Ökumene ist in ihrem Wesen nicht in erster Linie das Resultat
ausgehandelter Konvergenzpapiere, sondern das Ergebnis aufrichtiger Versöhnung;
3. Der Skandal ist nicht, dass die eine Kirche noch nicht da wäre. Der Skandal
ist die Behauptung, die Kirchen seien getrennt.“ Die Gemeindeleitung verstand
diesen Schritt als ihren „notwendigen Beitrag“, „als Chance und Aufgabe
zugleich, die menschheitsbedrohenden Gegensätze und Trennungen in unserer einen
Welt überwinden zu helfen. Dazu ermutigt uns der eine Herr, der uns zu Brot und Wein an seinen Tisch lädt.“
Beide
Gottesdienste waren vom Heiligen Geist erfüllt! Wer dabei war und die Atmosphäre
der Geschwisterlichkeit spüren durfte, hatte spätestens dann gewusst, dass
sich die Diskussionen und Planungen im Vorfeld gelohnt hatten. Es ist bekannt,
dass beide Gottesdienste so gut besucht waren, dass Menschen draußen bleiben
mussten. Bekannt ist auch, dass beide katholischen Pfarrer im Nachgang der
Gottesdienste vom Priesteramt suspendiert wurden. Ich führe das dennoch an
dieser Stelle auf, da durch die Reaktionen der Kirchen (und der Medien) die
Gemeinde gefordert war, sich über den Ökumenischen Kirchentag hinaus, mit dem
Thema „Eucharistische Gastfreundschaft“ auseinanderzusetzen. Die Fragen und
die Kritik, die an die Gemeindeleitung und die Pfarrschaft herangetragen wurden,
haben uns gefordert und unser Bewusstsein geschärft, dass wir zu allen
Entscheidungen gemeinschaftlich stehen.
Langjährige
und gute ökumenische Kontakte zu den Nachbargemeinden im Prenzlauer Berg liegen
der Gemeinde sehr am Herzen. Insbesondere hat sich gezeigt, dass wir voneinander
lernen und gemeinsam Veranstaltungen durchführen können, die ohne einander
nicht denkbar wären. Drei Mal fand das ökumenische Straßenfest „Kiezfest
der Kirchen“ statt, an dem sich neben unserer Gemeinde katholische Gemeinden,
Freikirchen, diakonische Einrichtungen und soziale Initiativen beteiligen und
das in den letzten Jahren (unter der Schirmherrschaft von Bundestagspräsident
a. D. Wolfgang Thierse) mehrere tausend Menschen anzog.
3. Die Profilierung einer wachsenden Kirche
Der
Kinderreichtum in unserer Gemeinde, die politische und soziale Verpflichtung
unseren Gemeindegliedern und Mitmenschen gegenüber und die stetig sinkenden
Kirchensteuerzuweisungen haben unserer fusionierten Gemeinde gezeigt, dass eine
Addierung aller bisherigen gemeindlichen Angebote zu einem großen Ganzen nicht
zielführend ist. Ziel sollte sein, möglichst alle Bedürfnisse abzudecken,
ohne haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter zu überfordern, Menschen zur Teilhabe
einzuladen, ohne sie gleich zur Mitarbeit zu verpflichten, offene Häuser zu
haben, in denen möglichst viele Menschen das finden, was sie suchen. Dazu ist
es nötig, Schwerpunkte zu setzen und gegebenenfalls ein „Weniger ist Mehr“
anzustreben.
Im
Folgenden seien exemplarisch zwei Handlungsfelder der Gemeinde genannt, die
zeigen, dass „Profilierung“ sowohl inhaltliche als auch örtliche
Profilierung heißen kann.
3.1. Vielfalt in der Einheit – Beispiel Gottesdienste
Jeden
Sonntag finden in unserer Gemeinde vier Gottesdienste in vier Kirchen statt.
Teilweise übernimmt ein Pfarrer zwei dieser Gottesdienste, meistens sind drei
Pfarrer pro Sonntag im Dienst. Zwei Gottesdienste finden um 9.30 Uhr, zwei um 11
Uhr statt. Zum Gottesdienst in der Gethsemanekirche finden sich durchschnittlich
200 Menschen, im Elias-Kuppelsaal 40 bis 50 Menschen und in der Paul-Gerhardt-
und der Segenskirche jeweils 20 bis 30 Menschen ein. Die Anzahl der
Gottesdienste – vier pro Sonntag – soll beibehalten werden.
Bei
der langfristigen gottesdienstlichen Planung stellt sich aber die Frage, ob vier
klassische Gottesdienste die Nachfrage stillen können. Einige Gemeindeglieder
sind übereingekommen, neue Gottesdienstformen auszuprobieren, um so zu sehen,
ob diese weitere Gottesdienstbesucher anziehen. Ein Beispiel: Seit einigen
Jahren findet in der Segenskirche am letzten Sonntag im Monat ein
Abendgottesdienst statt. Das Besondere daran soll nicht nur die Uhrzeit sein,
sondern der Anspruch der Vorbereitungsgruppe, das Gottesdienstthema durch
Anspiele, besondere Lieder und Musik oder durch eigenwillige Texte anders zu
reflektieren. Die Erfahrung zeigt, dass dieser Abendgottesdienst regelmäßig
angeboten werden muss, damit er längerfristig Gottesdienstbesucher bindet. Überlegt
wird in diesem Zusammenhang derzeit auch, am Standort der Segenskirche nur noch
abends Gottesdienste abzuhalten. Ein weiteres Beispiel: In der
Paul-Gerhardt-Kirche wird seit einiger Zeit recht erfolgreich der so genannte
Krabbelgottesdienst angeboten. Eltern kommen mit ihren Kleinkindern, die im
Gottesdienst im Mittelpunkt stehen. Liturgie und Ausgestaltung des
Gottesdienstes sind ganz auf die Bedürfnisse der Kleinen zugeschnitten. Diese
Gottesdienste haben immer mehr Zulauf. Insbesondere auch die umfangreiche Arbeit
mit Kindern und die Verortung der Christenlehre, der Vorschularbeit und des
Kindergartens, der Eltern- und Familienberatung am Standort Elias haben gezeigt,
dass eine Profilierung möglich ist und die gemeinsam von Kindern, Konfirmanden
und Eltern gestalteten Gottesdienste Besucher anziehen.
Bislang
finden „besondere“ Gottesdienste, also solche, die bewusst von der Liturgie
abweichen und von einem ganzen Team vorbereitet werden, regelmäßig – wenn
auch nicht jeden Sonntag – statt. Längerfristig wird überlegt,
Gottesdienststandorte noch konsequenter inhaltlich bestimmten Gottesdienstformen
zuzuordnen. Dabei müssen sowohl die negativen als auch die positiven Aspekte
genauer abgeschätzt werden.
–
Menschen, die seit Jahren zur gleichen Uhrzeit in den gleichen
Gottesdienst gehen, würden eine Art der Beheimatung verlieren. Entweder sie
lassen sich auf neue Gottesdienstformen ein oder sie finden den Weg in eine der
anderen Kirchen in Prenzlauer Berg Nord. Die Gefahr, dass sie die Gemeinde ganz
verlassen, ist schwer vorhersehbar.
–
Die Pfarrer sind gefordert, neben der klassischen
Gottesdienstvorbereitung Menschen um sich zu scharen, mit denen sie Neues planen
und aufbauen können. Dies erfordert Muße und ein verstärktes Engagement von
Ehrenamtlichen. Kurzfristig bergen derlei Überlegungen sicherlich einen
Mehraufwand für Pfarrer und Mitarbeiter. Längerfristig sollte die verstärkte
Einbindung von Ehrenamtlichen in Gottesdienstplanungen und –abläufe aber zu
einer Entlastung der hauptamtlichen Mitarbeiter führen. Voraussetzung dafür
ist, dass sich alle Verantwortlichen darauf einlassen.
–
Wenn besondere Gottesdienstformen einem Standort zugeordnet werden, kann
die Nachfrage nach klassischen Gottesdiensten von den jeweils anderen Standorten
aufgefangen werden. Damit dies gelingt, muss nicht nur das innergemeindliche
Verständnis EINER Gemeinde gestärkt werden. Vielmehr muss auch gelingen, das
differenzierte gottesdienstliche Angebot nach außen als etwas Bereicherndes zu
vermitteln.
3.2. Standortprofilierung – Das Stadtkloster Segen
Die
Kirchengemeinde hat die vier, architektonisch sehr unterschiedliche Kirchgebäude.
Sie alle bieten den Gottesdienstbesuchern, aber auch denen, die keinen direkten
Bezug zur Gemeinde haben, Identität. Dennoch erleben auch unsere Kirchen einen
Bedeutungsverlust, da die Zahl der Gemeindemitglieder stärker steigt als die
der Gottesdienstbesucher.
Die
junge Alters- und besondere Sozialstruktur des Stadtteils stellen die Gemeinde
vor eine weitere besondere Herausforderung: Viele der, häufig auch allein
lebenden Menschen (Single-Haushalte), sind auf der Suche nach Spiritualität,
die sie aber nicht mehr in den Kirchen und Gemeinden des Quartiers finden. Hinzu
kommt, dass die finanziellen Kirchensteuer-Zuwendungen sinken und weiter
abnehmen werden. Insbesondere die Segenskirche ist in einem renovierungsbedürftigen
Zustand, der die finanziellen Kapazitäten der Gemeinde bei weitem übersteigt.
Allein im Osten Deutschlands sind mehr als 350 Kirchen vom völligen Verfall
bedroht; insgesamt steht ein Sanierungsbedarf von mehr als 6,6 Mrd. Euro an.
Damit kann auch die spirituelle und soziale Arbeit nicht mehr in dem Maße
geleistet werden, wie dies in der Vergangenheit möglich war. Angesichts solcher
Entwicklungen sind im Umgang mit unseren Kirchgebäuden und Gemeindehäusern
mehr denn je Kreativität und Zuversicht gefragt.
Die
finanziellen Schwierigkeiten, ihre Folgen für den baulichen Erhalt des Kirchgebäudes
und die gemeindliche Arbeit erfordert eine gesellschaftsoffene und vor allem
phantasievolle Nutzung. Die Gemeinde hat sich daher in den vergangenen Jahren
bemüht, den Umbau der Segenskirche zum „Stadtkloster Segen“ als
modellhaftes Umbau-, Umnutzungs- und Integrationsvorhaben darzustellen, aus dem
Ideen und Erfahrungen für andere, ähnliche Vorhaben abgeleitet werden können.
Doch was genau ist geplant?
„Die
Segenskirche wird zum Stadtkloster umgebaut“ – so heißt es in der vom Förderverein
Stadtkloster Segen e.V. herausgegebenen Broschüre. Im Januar 2007 werden die
Eigentumsrechte für das Gebäudeensemble der evangelischen Familienkommunität
„Don Camillo“ überschrieben. Drei Familien dieser Kommunität aus der
Schweiz haben sich im Laufe eines über zwei Jahre währenden Gesprächsprozesses
mit Vertretern der Gemeinde dazu entschlossen, nach Berlin zu ziehen und den Um-
und Aufbau der Segenskirche zum so genannten Stadtkloster zu begleiten. Sie
werden – in Kooperation mit der Gemeinde Prenzlauer Berg Nord – nach
Abschluss aller Umbauten dauerhaft vor Ort leben, Gäste beherbergen, regelmäßige
Gebetszeiten durchführen und den Menschen aus dem Berliner Kiez sowie Gästen
aus ganz Deutschland mit ihren besonderen Angeboten zur Ruhe, Einkehr und
Meditation christliche Spiritualität anbieten.
Teils
zähe Entscheidungsfindungsprozesse im Gemeindekirchenrat haben verdeutlicht,
dass das „Neue“ an diesem Vorhaben – die Festlegung eines Standorts auf
einen Nutzungszweck und die schwierige Abschätzung, inwiefern unser Traum,
neues spirituelles Leben zu initiieren, gelingen kann – tief in der Struktur
der fusionierten Gemeinde verankert werden musste. Die letztlich gefällten
Entscheidungen der Gemeindeverantwortlichen zeigen außerdem, dass insbesondere
der partnerschaftliche Kontakt der Kommunität „Don Camillo“ und die Unterstützung
aller Gemeindebezirke wesentlich dazu beigetragen haben, das Projekt zu stemmen.
Außerdem wissen wir um den Modellcharakter (im positiven Sinn!) des
„Stadtklosters Segen“: Die Kirchenleitung der Landeskirche
Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hat sich im August 2005 mit einem
Grundsatzbeschluss das Anliegen des Projektes zu eigen gemacht und fördert
sowohl seinen Inhalt als auch die Familienkommunität aus der Schweiz ausdrücklich
als Partnerin. Bischof Dr. Wolfgang Huber begrüßt den „visionären
Aufbruch“ der Kirchengemeinde.
Das
Stadtkloster wird der Gemeinde Prenzlauer Berg Nord Segen bringen, wenn das
kommunitäre Leben und die spirituellen Seminare nicht als ein weiteres, zusätzliches
Angebot unter vielen, sondern als integraler Bestandteil der eigenen
Gemeindearbeit angesehen werden. Kooperationen zwischen der Kommunität und der
Gemeinde sollen den vielseitig geprägten protestantischen Glauben der
Gemeindeglieder um die Erfahrungen der kommunitären Spiritualität erweitern.
Gelingt es, dass sich sowohl Kommunität als auch Volkskirche der
Unterschiedlichkeit ihres spirituellen Lebens bewusst bleiben, dann ist die
Kommunität „Don Camillo“ - die auch Teil der Landeskirche werden
wird - mit ihrem Anliegen und ihrer Arbeit auch ein neuer
volkskirchlicher Impuls.
Ohne
Zweifel haben die Bedeutung der Kirchengemeinde während der politischen Wende
1989/90 sowie die Erfahrungen, die während des ökumenischen Kirchentages
gesammelt werden durften, die Gemeinde in der Öffentlichkeit bekannt gemacht.
Die Mischung zwischen Integration und Polarisierung hat dazu beigetragen, dass
die gemeindlichen Anliegen teils heftig diskutiert wurden und die notwendige
Auseinandersetzung mit bestimmten politischen und sozialen Themen die
Gemeindeverantwortlichen und viele Gemeindeglieder zur Reflexion ihres eigenen
Handelns verpflichtet haben.
Die
Möglichkeiten, Standorte zu profilieren, besondere gottesdienstliche Angebote
auszuprobieren und gar ein Stadtkloster zu bauen, erachte ich als eine große
Chance für die Gemeinde – gerade weil die Kirchengemeinde einer
volkskirchlichen Verantwortung unterliegt. Diese Verantwortung zeigt sich u.a.
in den vielen offenen Gemeindeangeboten, mit denen wir alle Menschen, die
Gemeinschaft suchen, Hilfe und Zuspruch benötigen, ansprechen möchten
(Volkskirche versus „Winkelkirche“).
Im
Leitbild der Gemeinde wurde noch ein weiterer volkskirchlicher Aspekt
festgeschrieben: Die Gemeinde versteht sich „missionarisch in dem Sinne, (1.)
möglichst viele Menschen neu zum Glauben einzuladen und (2.) die vielen, die zu
unserer Freude schon da sind, zu stärken und zu pflegen.“ Nach diesem
Selbstverständnis ist Volkskirche nicht gleichzusetzen mit „Massenkirche“,
sondern vielmehr mit einer „Missionskirche“, die „zum Volk gesandt“ ist.
Die
offene Einladung an alle Gemeindeglieder, den immer noch währenden
Fusionsprozess lebendig zu begleiten und sich in den Arbeitsgruppen zu
engagieren, zeigt des Weiteren, dass Prenzlauer Berg Nord bewusst keine
Pastorengemeinde ist. Basisdemokratische Entscheidungen unter der Beteiligung möglichst
vieler waren und sind prägend für die Gemeinde und auch, wenn die teilweise
langwierigen Entscheidungsprozesse Nerven aufreibend sein können, sind sie für
die Gemeindekultur typisch und haben sich bewährt.
[3] 1998: 9.177; 2001: 10.251; 2003: 11.622; 2006: 12.810 Gemeindeglieder
[4] 12 Männer und Frauen, paritätisch nach Größe der Gemeindebezirke, Neuwahl der Hälfte des Gemeindekirchenrates alle drei Jahre
[5] Halbwachs, M. (1985): Das kollektive Gedächtnis. Frankfurt a.M.
Die Autorin Diplom-Sozialwissenschaftlerin Constanze Scherz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse im Forschungszentrum Karlsruhe (ITAS) und seit 2001 gewähltes Mitglied im Gemeindekirchenrat der Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord, Berlin. Sie studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin und war wissenschaftliche Mitarbeiterin (Doktorandin der Sozialwissenschaften) am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse im Forschungszentrum Karlsruhe.

