Netzwerk Kirchenreform - Wednesday, 7. January 2009
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Prenzlauer Berg Nord (Berlin)

Volkskirchliche Aufbrüche einer Ostberliner Kirchengemeinde

 

Ein Beitrag von Constanze Scherz in
Kirchenreform strategisch!

  

Am 1. März 2001 schlossen sich die zuvor selbständigen Kirchengemeinden Elias, Gethsemane, Paul-Gerhardt und Segen selbst bestimmt zur evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord zusammen. Ziel dieses Zusammenschlusses war laut Fusionsvertrag „die Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi und die gemeinsame Wahrnehmung des Auftrages“ wie er in der Grundordnung der ehemals Berlin-Brandenburgischen Landeskirche beschrieben war. Entstanden ist die mit über 12.000 Gemeindegliedern (in 2006) größte Kirchengemeinde im Kirchenkreis Berlin Stadtmitte, die heute – fünf Jahre nach der Fusion – sichtbar neue Wege beschritten hat: Der Handlungsspielraum des Gemeindekirchenrates konnte durch den gemeinsamen Haushalts- und Stellenplan flexibilisiert werden, die Konzentration von Ressourcen konnte Qualität und Quantität der gemeindlichen Angebote sichern und teilweise sogar verbessern[1], zentrale Gottesdienste, v.a. an kirchlichen Festtagen (1. Advent, Reformationsfest) und zu besonderen gemeindlichen Anlässen (Einführung von MitarbeiterInnen und Gemeindekirchenrat, Schuljahresanfangsgottesdienst) sowie ein einheitliches Erscheinungsbild der Kirchengemeinde im Corporate Design (offizielles Logo, Gemeindebrief etc.) haben das Bewusstsein der Gemeindeglieder, EINER Gemeinde anzugehören, befördert.

So wie sich die Kirche stets auf dem Weg befindet, ist auch die Fusion der Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord ein Prozess. Der Erfolg dieses Prozesses wird einerseits durch die kirchenpolitischen Entwicklungen mitbestimmt und wird sich andererseits daran messen lassen müssen, inwieweit es gelingt, auf die Spezifika der Sozial- und Bevölkerungsstrukturen im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg einzugehen. Ich hoffe, mit meinem Beitrag die Chancen des Fusionsprozesses aufzeigen zu können und dabei die Schwierigkeiten und Risiken nicht zu verheimlichen. Wenn es gelingt, auch aus den historischen Erfahrungen der Gemeinden, aus denen Prenzlauer Berg Nord hervorgegangen ist, zu lernen, ist ein deutlicher Weg zur Gestaltung der gemeindlichen Zukunft vorgegeben; dann kann dieser Beitrag ein „Orientierungslicht auf dem Weg“ unserer Kirche sein, wie es sich die EKD in ihrem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ wünscht.

 

1.  Das regionalisierte Fusionsmodell

Die Fusion eigenständiger Gemeinden zu einer neuen Gemeinde orientierte sich in unserem Fall an einer bestimmten (örtlichen) Region des Berliner Stadtteils Prenzlauer Berg: Die im Süden gelegene Segenskirche, an der großen Verkehrsstraße Schönhauser Allee „burgähnlich“ in die Häuserzeile eingebaut; die Eliaskirche in der Nähe des Helmholtzplatzes, einem Platz, der vom Land Berlin als zu förderndes (soziales) Sanierungsgebiet eingestuft worden war; die repräsentative, einzig freistehende Gethsemanekirche, die seit 1989 weit über die Grenzen Berlins bekannt ist; die Paul-Gerhardt-Kirche am nördlichen Rand des Prenzlauer Berges, die mitgliederstärkste Gemeinde unter den vieren. Vertreter aller vier Gemeinden (mit jeweils zwischen ca. 2.500 und 4.000 Gemeindegliedern) hatten in einem ausführlichen Gesprächsprozess erkannt, dass sie sich mit ihren spezifischen Erfahrungen bereichern könnten und gemeinsam strukturellen Defiziten in der Zukunft besser gewachsen wären.

Zum Zeitpunkt der Fusion war eine Kirche – die Eliaskirche – an das Kinder-Mach-Mit-Museum schon dauerhaft verpachtet wurden, die dortige Gemeinde war mit ihren Gottesdiensten in den repräsentativen Kuppelsaal[2] umgezogen. Als die Fusion beschlossen wurde, gab es – ebenfalls im Gemeindebereich Elias – keinen eigenen Pfarrer, so dass auch die Herausforderung, drei Pfarrer für vier Gottesdienststandorte verantwortlich zu zeichnen, durchaus ein Fusionsanlass war. Da die Gemeinde auch nach der Fusion stetig wuchs[3] und sich der Gemeindekirchenrat und insbesondere die Vertreter aus dem Gemeindebereich Elias für einen „eigenen“ Pfarrer einsetzten, wurde die vierte Pfarrstelle schon bald neu besetzt.

Nachdem 2001 ein gemeinsamer Gemeindekirchenrat[4] gewählt worden war, ein gemeinsamer Haushalts- und Stellenplan aufgestellt worden war, die Zuständigkeiten der Mitarbeiter- und Pfarrschaft (teilweise) neu zugeordnet worden waren und in offiziellen Papieren erstmals von WIR gesprochen wurde, erkannten sowohl die Verantwortlichen im Leitungsgremium als auch die Mitarbeiter- und Pfarrschaft, dass das Zugehörigkeitsgefühl der Gemeindeglieder stärker an Standorte gebunden war als zunächst gedacht. Bis heute wird an den vier Gottesdienststandorten festgehalten, um allen, insbesondere denjenigen, die in „ihre“ Kirche zum Gottesdienst gehen möchten, gerecht zu werden.

Schwieriger zeigt sich die Fusion in denjenigen Arbeitsbereichen, wo personelle und finanzielle Entlastungen erhofft wurden und die damit verbundenen Veränderungen im eigenen Tun bislang noch an Grenzen stoßen und teilweise zurecht hinterfragt werden müssen. Ein Beispiel: Jeweils zwei Pfarrer übernehmen einen Konfirmationsjahrgang und begleiten die Jugendlichen zwei Jahre bis zur Konfirmation. Der Konfirmandenunterricht findet meist an einem Ort statt, so dass Jugendliche, die ggf. in einer der anderen Kirche getauft wurden, nun den Weg in ein anderes Kirchgebäude finden. Die Konfirmation selbst findet immer in der Gethsemanekirche statt, da sie das festlichste Gebäude ist und mit Abstand die meisten Menschen fassen kann. Es ist sicherlich positiv, dass junge Menschen so, auf selbstverständliche Weise, in die fusionierte Gemeinde wachsen. Auch die drei Pfarrer und eine Pfarrerin werden durch die beschriebene Arbeitsteilung zumindest teilweise in ihren vielfältigen Verantwortlichkeiten entlastet. Und schließlich begleitet die ganze Gemeinde im zentralen Konfirmationsgottesdienst die Jugendlichen auf ihrem weiteren Weg. Aber welche Folgen hat die „Beheimatung“ der Jugendlichen an einem anderen Ort als an dem, wo sie groß- und hineingewachsen sind? Welche Rolle spielt der Ort überhaupt für die Identifikation mit der Gemeinde?

Solche und vergleichbare Fragen werden nur im Laufe der Zeit zu beantworten sein. Wichtig scheint, dass die Fragen gestellt werden und der Weg des Zusammenwachsens offen und flexibel begleitet wird. Diesen Lernprozessen wird insbesondere auf den regelmäßigen Klausurtagungen des Gemeindekirchenrates (auch mit professioneller Begleitung) nachgegangen. In welchem Verhältnis stehen die Mitglieder der ehemals selbstständigen Kirchengemeinden zur neu geschaffenen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord? Was bringt wer ein? Und warum sind manche gemeindlichen Angebote vielleicht doch klar an bestimmte Standorte gebunden?

Der Gemeindekirchenrat ist gemeinsam mit Mitarbeitern und Pfarrern zu der Einsicht gelangt, dass nur die Berücksichtigung der „gewachsenen Vielfalt“ die Einheit der Gemeinde befördern kann. Um möglichst viele Menschen am Auf- und Ausbau der EINEN Gemeinde zu beteiligen, wurde die Leitbilddiskussion für alle interessierten Gemeindeglieder geöffnet, indem in den besonders wichtig angesehenen Arbeits- und Zukunftsfeldern Gruppen eingerichtet wurden, zu deren Mitgestaltung ausdrücklich eingeladen wurde und deren mögliche Arbeitsergebnisse in die Entscheidungen des Gemeindekirchenrates Eingang finden sollen. Diese, als besonders wichtig erachteten Handlungsfelder stehen unter den Überschriften „Gaben und Ehrenamt“, „Spiritualität“, „Kommunikation“, „Kinder“ und „Soziales“.

Das regionalisierte Fusionsmodell – wie es Prenzlauer Berg Nord gewählt hat – erlaubt und wünscht einen Erkenntnisprozess bei denen, die für die Gemeinde Verantwortung tragen. Erhofft wird, dass dieser Erkenntnisprozess die Stabilität und das Zusammengehörigkeitsgefühl langfristig stärkt und sich motivierend und strukturierend auf die Zusammenarbeit von Gemeindeleitung, Mitarbeiterschaft und Ehrenamtlichen auswirkt.

 

1.1.      Herausforderung: Geburtenstärkster Bezirk Europas

Häufig ist es im „Alltagsgeschäft“ des gemeindlichen Lebens schwierig, diese mittel- bis langfristig formulierten Ziele kontinuierlich zu verfolgen. Rahmenbedingungen, die harten „Zahlen, Daten, Fakten“ schreiben ihre eigenen Handlungsstränge und erfordern viel Kraft und Zeit. Als herausragendes Beispiel sei an dieser Stelle die Arbeit mit Kindern in der Gemeinde genannt. Zum Glück muss sich Prenzlauer Berg Nord keine Nachwuchssorgen machen! Vielmehr sind wir besorgt, ob wir den Anforderungen an Angeboten für Kinder und deren Familien heute und zukünftig gerecht werden können.

Der Stadtteil Prenzlauer Berg gilt als geburtenstärkster Bezirk Europas: Während im Rest der Bundesrepublik die Geburtenrate bei 1,4 liegt, beträgt sie im Prenzlauer Berg 2,1 (2004). In den letzten 10 Jahren hat der Anteil an Kindern unter drei Jahren um fast ein Drittel zugenommen. Tatsächlich weisen Zahlen des Statistischen Bundesamtes Berlin aus, dass die Geburtenrate nur deshalb besonders hoch ist, da 38 % der Einwohnerinnen von Prenzlauer Berg zwischen 20 und 35 Jahre alt ist. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Struktur der Kirchengemeinde wider: 75 % der Gemeindeglieder sind zwischen 21 und 45 Jahre alt, weitere 5 % sind Kinder und Jugendliche bis 21 Jahre, Tendenz steigend. Auch die gemeindlichen Amtshandlungen bestätigen diese veränderte Gemeindeglieder- und Altersstruktur. Während die Beerdigungszahlen von Jahr zu Jahr sinken, hat sich die Anzahl der Kinder- und Erwachsenen(!)taufen seit dem Jahr 2000 verdoppelt, Trauungen haben zugenommen.

Zwei hauptamtliche Mitarbeiter für die Arbeit mit Kindern und die Arbeit mit Jugendlichen sowie zahlreiche Ehrenamtliche kümmern sich um ein abwechslungsreiches Angebot für diesen Nachwuchs und ihre Familien. Neben Kinder- und so genannten Krabbelgottesgottesdiensten, Christenlehre (freiwilliger Religionsunterricht im Vorkonfirmandenalter), Kinder- und Familienfreizeiten sowie Beratungsangeboten wurde im Jahr 2006 eine „Singschule“ gegründet, die die musikalischen Angebote für Kinder und Jugendliche bündelt. So bietet die Gemeinde gegen einen kleinen freiwilligen Obolus unter Leitung der Kirchenmusikerin und der Kirchenmusiker vom „Minisingen“ für die ganz Kleinen, über verschiedene Mädchen- und Jungenchöre bis hin zum Jugendchor und der großen Kantorei derzeit neun verschiedene Chöre und Ensembles an. Gerade bei diesen Angeboten hat sich gezeigt, dass sie auch gemeindefremde Menschen ansprechen, beziehungsweise diejenigen, die zwar Gemeindeglieder sind, jedoch selten oder gar nicht am gemeindlichen Leben teilnehmen. Der „gefühlte Zulauf“ von Kindern und jungen Familien scheint meist höher als es die tatsächlichen Zahlen vermuten lassen: Von den 12.810 Gemeindegliedern (Oktober 2006) sind 910 im Alter bis 21 Jahre, dagegen 6.841 im Alter von 21 bis 35 Jahren.

 

1.2.      Bunter Bezirk – bunte Milieus

Der „junge“ Bezirk Prenzlauer Berg ist kein einheitliches soziales Gefühle. Wie überall finden sich auch hier unterschiedliche Milieus, Menschen unterschiedlicher Herkunft und Situierung. Durch die zügige (private) Sanierung der meisten Wohnhäuser im Bezirk nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990, stiegen auch die Mieten und alteingesessene „Prenzlberger“ mussten teils in billigere Wohngegenden umziehen. Nachgezogen sind vor allem junge Akademiker, die einst zum Studium nach Berlin kamen, die Gegend kennen und lieben lernten und schließlich blieben. Der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg zeigt sich heute als bunte Mischung von jungen Familien, gut verdienenden Single-Haushalten und echten Berliner Senioren.

Die veränderte sozio-ökonomische, politische und gesellschaftliche Struktur der Bevölkerung läuft nicht ohne Probleme und Konflikte ab. Einige Milieus scheinen die „Deutungshoheit“ (Pierre Bourdieu) für sich entschieden zu haben. Dabei lässt sich der Bevölkerungswandel der 1990er-Jahre verkürzt mit den Begriffspaaren Neubürger = „Wessi“ und Alt-Prenzlauer-Berger = „Ossi“ benennen. Und auch in der Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord schlägt sich diese Entwicklung nieder: Ca. 50 % der Gemeindeglieder sind westsozialisierte Christinnen und Christen.

Wahrzunehmen sind unterschiedliche Interessen ostsozialisierter und westsozialisierter Christen an der Gemeinde und Kirche. Ostsozialisierte Christen praktizieren eher ein bewusst bekenntnis- und beteiligungsorientiertes Christsein, wohingegen westsozialisierte Christen vor allem bei Amthandlungen von ihrer Kirche Gebrauch machen. Natürlich handelt es sich hier um eine sehr grobe Schematisierung. Sie verdeutlicht aber hoffentlich, dass die Gemeinde herausgefordert ist, den Reichtum der unterschiedlichen Interessengruppen füreinander und für den Gemeindeaufbau nutzbar zu machen. Die Gemeinde steht vor der Aufgabe, die Anliegen der Neuzugezogenen noch stärker zu berücksichtigen und die Vielfältigkeit ihrer Lebens- und Glaubensart als Reichtum zu erfahren. Aber auch die sichtbaren sozialen Unterschiede zwischen den wohlhabenden Ledigenhaushalten und den Sozialschwachen müssen in der Gemeinde thematisiert und durch solidarisches Tragen von Lasten ausgeglichen werden.

 

2.      (Kirchen)politische Herkunft

Immer wieder zeigt sich in Verhandlungen und Überlegungen, wie wir zukünftig Gemeinde gestalten wollen, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gemeinde wesentlich auf Erfahrungen aus der Vergangenheit beruht. Dies gilt sowohl für die interne Entwicklung und Strukturierung als auch für die Außenwirkung der fusionierten Gemeinde, die mit dem friedlichen Umbruch 1989 bekannt wurde und nach der Fusion – zumindest im Kirchenkreis – als Beispiel einer geglückten Gemeindezusammenlegung gilt.

 

2.1.      Wachet und betet

Die Erfahrungen aus den Jahren 1989/90 sind wesentlicher Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der Gemeinde Prenzlauer Berg Nord. Auf ihren Wegen hinaus - aus den Kirchräumen in die pulsierende Gesellschaft Berlins -, zeigt sich immer wieder, dass die Macht, die den betenden und wachenden Menschen im Herbst 1989 unter anderem in der Gethsemanekirche (unerwartet) zuteil wurde, Spuren im Handeln und Denken hinterlassen hat: Beten ist Macht! Als die USA und ihre Alliierten 2003 den Irak bombadierten, wurden die alten Transparente „Wachet und betet“ wieder an die Gemeindehäuser und Kirchen der Gemeinde gehängt. In der Gemeinde abgehaltene Friedensgebete haben mal mehr, mal weniger, in jedem Fall aber kontinuierlichen Zulauf.

Das „kollektive Gedächtnis“, wie es der französische Philosoph und Soziologe Maurice Halbwachs beschrieben hat[5], bezeichnet die kollektive Gedächtnisleistung einer Gruppe von Menschen. In einer Weiterentwicklung dieses Begriffs spricht der Soziologe Jan Assmann von „kulturellem Gedächtnis“[6], das sich dadurch auszeichnet, dass persönliche Erinnerungen Einzelner nicht nur vom eigenen Erleben geprägt werden, sondern immer auch Teil größerer Zusammenhänge, von denen sie beeinflusst werden, sind. Das kollektive Gedächtnis der Gemeinde Prenzlauer Berg Nord also (und aller Gemeinden, deren Geschichte eng mit den Erfahrungen des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs von 1989/90 verbunden ist) zehrt von gemeinsamen Erfahrungen aus der damaligen Zeit und hat eine lebendige Erinnerungsgemeinschaft ausgebildet, die auch diejenigen einbezieht, die das eigentliche Geschehen, ihre Mahnwachen, Runden Tische, ihr Hoffen und Beten, nicht direkt miterlebt haben.

Wenn wir uns nun noch einmal in die 1980er-Jahre zurückversetzen, muss berücksichtigt werden, dass nur ein kleiner geschichtlicher Ausschnitt – der vielleicht allgemein bekannteste – wiedergegeben wird: Die Gethsemanekirche war Treffpunkt für so genannte „Oppositionelle“ geworden. In den Gemeinderäumen und der Kirche trafen sich Vertreter der DDR-Friedensbewegung, veranstalteten Fürbittgottesdienste, Friedensgebete und initiierten öffentliche Diskussionsrunden, vor allem zum Kirchentag 1987. Nach Verhaftungen anlässlich der Rosa-Luxemburg-Demonstration im Januar 1988, dem Ausschluss von Schülern der Ossietzky-Oberschule im Herbst 1988 und nach dem Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 fanden in der Kirche verstärkt Informations- und Diskussionsveranstaltungen statt. Ab 2. Oktober 1989 war das Haus schließlich rund um die Uhr für Mahnwachen geöffnet. Nach dem Rücktritt der alten DDR-Regierung stand die Kirche den neu entstehenden Parteien und Bürgerbewegungen zur Verfügung. Es wurde außerdem ein Kontakttelefon eingerichtet; so konnten Informationen über gewaltsame Übergriffe oder Verhaftungen während der Oktobertage für den gemeinsamen Protest zusammengetragen werden.

Der Gemeindekirchenrat der damaligen Gethsemanegemeinde hatte in dieser Zeit vor der Frage gestanden: „Öffnen wir unsere Kirche für all diese Anliegen? Ja oder nein?“ Nach einer aufreibenden Sitzung beteten die Gemeindevertreter miteinander, um schließlich einstimmig zu beschließen: „Ja, wir öffnen unsere Kirche!“ Man entschied sich damals für das Bibelzitat „Wachet und betet“, wie es Jesus seinen Jüngern im Garten Gethsemane gesagt hatte.[7] Es gab allen Verantwortlichen Mut und die Zuversicht, im Glauben und Handeln geborgen zu sein. Und das Ergebnis war ein gutes: Als Teil einer landesweiten, mutigen und kirchenübergreifenden Bewegung konnte die Gethsemanegemeinde dazu beitragen, dass das alte DDR-Regime fiel. Im März 1990 traf sich die erste frei gewählte Volkskammer der DDR zum Gottesdienst in Gethsemane. Auch andere, heute in der Gemeinde Prenzlauer Berg Nord zusammengeschlossene Gemeinden, haben ihre „Geschichte“ aus dieser Zeit.

Erwähnt sei an dieser Stelle, dass insbesondere die Geschlossenheit des damaligen Kirchenkreises „Berlin Stadt III“ (Teile von Prenzlauer Berg und Mitte) und die engagierte Unterstützung durch den ehemaligen Superintendenten Görig, die Opposition stärkte. Am damaligen Sitz des Superintendenten, im heutigen Gemeindebereich Elias, gründete sich der von Pfarrern moderierte „Runde Tisch Prenzlauer Berg“. In den ersten Jahren nach der politischen Wende konnte die Gemeinde von diesem politischen Engagement profitieren. Viele – vormals eher kirchenfremde Menschen – fühlten sich dieser Gemeinde zugehörig. Bis heute mag das ein Grund (neben anderen) sein, der insbesondere die Gethsemanekirche jeden Sonntag recht gut gefüllt sein lässt.

Auch wenn die soziale und politische Situation in Berlin und Deutschland heute andere Handlungsfelder nahe legt, so zehrt die Gemeinde doch von diesen Erfahrungen: Der Gemeindekirchenrat hat in seinem Leitbild die politische Diakonie als wichtigen Aspekt gemeindlicher Arbeit festgeschrieben. Demnach bedeutet „politische Diakonie“ angesichts der anhaltend hohen Zahl arbeitsloser Menschen, der Altersarmut, Obdachlosigkeit und Vereinsamung von Menschen in unserer Gemeinde und unserem Stadtteil, dass wir die diakonische Seite unseres Christseins stärker betonen möchten. „Wir wollen unseren Reichtum, auch unseren Reichtum an Wissen teilen. Wir wollen Arbeitsmöglichkeiten für Menschen schaffen und ansonsten ihre Bemühungen um Arbeit fördern. Wir wollen in Abstimmung mit den vorhandenen Einrichtungen und Akteuren sinnvolle zusätzliche Angebote machen. Wir wollen Seelsorge und Besuchsdienste fördern.“[8]

In 2005 und 2006 gelang es, in dieser Hinsicht ein Paar „handfeste“ Angebote ins Leben zu rufen. In Zusammenarbeit mit der „Berliner Tafel e.V.“, dem Rundfunk Berlin-Brandenburg und der Landeskirche entstand die Aktion „Laib und Seele“. Unsere Gemeinde beteiligt sich an dieser wöchentlichen Lebensmittelausgabe für bedürftige Menschen. Wer seinen Sozial-, Arbeitslosen- oder Rentenbescheid zeigt und einen Euro bezahlt, erhält ein Paket mit frischen und haltbaren Lebensmitteln, die zuvor von Ehrenamtlichen und Mitarbeitern der „Berliner Tafel e.V.“ in Supermärkten und Restaurants eingesammelt wurden. Kamen am Anfang ca. 50 Menschen, hat sich die Zahl innerhalb weniger Monate vervierfacht. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter unserer Gemeinde bedauerten schon bald, dass sie bei dieser durchorganisierten Form der Lebensmittelausgabe nur wenig Möglichkeit hatten, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Der gemeindlichen Arbeitsgruppe „Soziales“ ist es zu verdanken, dass die Gemeinde das „Kiezfrühstück“ ins Leben rief, zu dem einmal im Monat samstags an schön gedeckte Tische in den Elias-Kuppelsaal eingeladen wird. Bei einem guten Frühstück sollen sich alle, Menschen aus dem Stadtteil und Gemeindeglieder, eingeladen fühlen, miteinander ins Gespräch zu kommen, den Alltag zu verlassen und – wer mag – professionelle Beratungsangebote von Juristen, Sozialarbeitern, Psychologen und Pfarrern wahrzunehmen.

 

2.2.      Ökumenischer Kirchentag

Wichtig für das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Außenwirkung der Gemeinde war auch der Ökumenische Kirchentag 2003 in Berlin. Schon früh war der Gemeindekirchenrat von der katholischen Laieninitiative „Kirche von unten“ angefragt worden, ob in der Gethsemanekirche zwei Gottesdienste – ein katholischer Gottesdienst mit katholischer Eucharistie-Feier, zu der evangelische Christen eingeladen wurden, und ein evangelischer Abendmahlsgottesdienst mit gemeinsamem Mahl, zu dem katholische Christen eingeladen wurden – stattfinden könnten. Die Kirchenleitungen der Evangelischen Kirche Deutschland und der Katholischen Kirche Deutschland hatten in ihren Planungen des Kirchentages diese gemeinsamen Abendmahls- bzw. Eucharistiefeiern ausdrücklich ausgeschlossen; eine wichtige Vereinbarung für beide Seiten, die den Ökumenischen Kirchentag in dieser Form erst zustande kommen ließ. Die Gemeindeverantwortlichen waren also nicht nur gefragt, ob sie sich diese Gottesdienste theologisch und organisatorisch zutrauten, sondern vielmehr, ob sie sie angesichts guter ökumenischer Kontakte zu den Berliner Nachbargemeinden als „kirchenpolitisch“ vertretbar erachteten. Nach intensiven Diskussionen entschied der Gemeindekirchenrat schließlich auf seiner Sitzung im Oktober 2002, diese Gottesdienste in Kooperation mit der Initiative „Kirche von unten“ durchzuführen.

In einer Erklärung der Pfarrschaft wurde dieser Schritt, „warum wir an der gegenseitigen Einladung zum Tisch des Herrn festhalten“ theologisch begründet: „1. Die Kirche ist das Zeugnis der Einheit der getrennten und unversöhnten Welt schuldig; 2. Ökumene ist in ihrem Wesen nicht in erster Linie das Resultat ausgehandelter Konvergenzpapiere, sondern das Ergebnis aufrichtiger Versöhnung; 3. Der Skandal ist nicht, dass die eine Kirche noch nicht da wäre. Der Skandal ist die Behauptung, die Kirchen seien getrennt.“ Die Gemeindeleitung verstand diesen Schritt als ihren „notwendigen Beitrag“, „als Chance und Aufgabe zugleich, die menschheitsbedrohenden Gegensätze und Trennungen in unserer einen Welt überwinden zu helfen. Dazu ermutigt uns der eine Herr, der uns zu Brot und Wein an seinen Tisch lädt.“

Beide Gottesdienste waren vom Heiligen Geist erfüllt! Wer dabei war und die Atmosphäre der Geschwisterlichkeit spüren durfte, hatte spätestens dann gewusst, dass sich die Diskussionen und Planungen im Vorfeld gelohnt hatten. Es ist bekannt, dass beide Gottesdienste so gut besucht waren, dass Menschen draußen bleiben mussten. Bekannt ist auch, dass beide katholischen Pfarrer im Nachgang der Gottesdienste vom Priesteramt suspendiert wurden. Ich führe das dennoch an dieser Stelle auf, da durch die Reaktionen der Kirchen (und der Medien) die Gemeinde gefordert war, sich über den Ökumenischen Kirchentag hinaus, mit dem Thema „Eucharistische Gastfreundschaft“ auseinanderzusetzen. Die Fragen und die Kritik, die an die Gemeindeleitung und die Pfarrschaft herangetragen wurden, haben uns gefordert und unser Bewusstsein geschärft, dass wir zu allen Entscheidungen gemeinschaftlich stehen.

Langjährige und gute ökumenische Kontakte zu den Nachbargemeinden im Prenzlauer Berg liegen der Gemeinde sehr am Herzen. Insbesondere hat sich gezeigt, dass wir voneinander lernen und gemeinsam Veranstaltungen durchführen können, die ohne einander nicht denkbar wären. Drei Mal fand das ökumenische Straßenfest „Kiezfest der Kirchen“ statt, an dem sich neben unserer Gemeinde katholische Gemeinden, Freikirchen, diakonische Einrichtungen und soziale Initiativen beteiligen und das in den letzten Jahren (unter der Schirmherrschaft von Bundestagspräsident a. D. Wolfgang Thierse) mehrere tausend Menschen anzog.

 

3.  Die Profilierung einer wachsenden Kirche

Der Kinderreichtum in unserer Gemeinde, die politische und soziale Verpflichtung unseren Gemeindegliedern und Mitmenschen gegenüber und die stetig sinkenden Kirchensteuerzuweisungen haben unserer fusionierten Gemeinde gezeigt, dass eine Addierung aller bisherigen gemeindlichen Angebote zu einem großen Ganzen nicht zielführend ist. Ziel sollte sein, möglichst alle Bedürfnisse abzudecken, ohne haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter zu überfordern, Menschen zur Teilhabe einzuladen, ohne sie gleich zur Mitarbeit zu verpflichten, offene Häuser zu haben, in denen möglichst viele Menschen das finden, was sie suchen. Dazu ist es nötig, Schwerpunkte zu setzen und gegebenenfalls ein „Weniger ist Mehr“ anzustreben.

Im Folgenden seien exemplarisch zwei Handlungsfelder der Gemeinde genannt, die zeigen, dass „Profilierung“ sowohl inhaltliche als auch örtliche Profilierung heißen kann.

 

3.1.      Vielfalt in der Einheit – Beispiel Gottesdienste

Jeden Sonntag finden in unserer Gemeinde vier Gottesdienste in vier Kirchen statt. Teilweise übernimmt ein Pfarrer zwei dieser Gottesdienste, meistens sind drei Pfarrer pro Sonntag im Dienst. Zwei Gottesdienste finden um 9.30 Uhr, zwei um 11 Uhr statt. Zum Gottesdienst in der Gethsemanekirche finden sich durchschnittlich 200 Menschen, im Elias-Kuppelsaal 40 bis 50 Menschen und in der Paul-Gerhardt- und der Segenskirche jeweils 20 bis 30 Menschen ein. Die Anzahl der Gottesdienste – vier pro Sonntag – soll beibehalten werden.

Bei der langfristigen gottesdienstlichen Planung stellt sich aber die Frage, ob vier klassische Gottesdienste die Nachfrage stillen können. Einige Gemeindeglieder sind übereingekommen, neue Gottesdienstformen auszuprobieren, um so zu sehen, ob diese weitere Gottesdienstbesucher anziehen. Ein Beispiel: Seit einigen Jahren findet in der Segenskirche am letzten Sonntag im Monat ein Abendgottesdienst statt. Das Besondere daran soll nicht nur die Uhrzeit sein, sondern der Anspruch der Vorbereitungsgruppe, das Gottesdienstthema durch Anspiele, besondere Lieder und Musik oder durch eigenwillige Texte anders zu reflektieren. Die Erfahrung zeigt, dass dieser Abendgottesdienst regelmäßig angeboten werden muss, damit er längerfristig Gottesdienstbesucher bindet. Überlegt wird in diesem Zusammenhang derzeit auch, am Standort der Segenskirche nur noch abends Gottesdienste abzuhalten. Ein weiteres Beispiel: In der Paul-Gerhardt-Kirche wird seit einiger Zeit recht erfolgreich der so genannte Krabbelgottesdienst angeboten. Eltern kommen mit ihren Kleinkindern, die im Gottesdienst im Mittelpunkt stehen. Liturgie und Ausgestaltung des Gottesdienstes sind ganz auf die Bedürfnisse der Kleinen zugeschnitten. Diese Gottesdienste haben immer mehr Zulauf. Insbesondere auch die umfangreiche Arbeit mit Kindern und die Verortung der Christenlehre, der Vorschularbeit und des Kindergartens, der Eltern- und Familienberatung am Standort Elias haben gezeigt, dass eine Profilierung möglich ist und die gemeinsam von Kindern, Konfirmanden und Eltern gestalteten Gottesdienste Besucher anziehen.

Bislang finden „besondere“ Gottesdienste, also solche, die bewusst von der Liturgie abweichen und von einem ganzen Team vorbereitet werden, regelmäßig – wenn auch nicht jeden Sonntag – statt. Längerfristig wird überlegt, Gottesdienststandorte noch konsequenter inhaltlich bestimmten Gottesdienstformen zuzuordnen. Dabei müssen sowohl die negativen als auch die positiven Aspekte genauer abgeschätzt werden.

       Menschen, die seit Jahren zur gleichen Uhrzeit in den gleichen Gottesdienst gehen, würden eine Art der Beheimatung verlieren. Entweder sie lassen sich auf neue Gottesdienstformen ein oder sie finden den Weg in eine der anderen Kirchen in Prenzlauer Berg Nord. Die Gefahr, dass sie die Gemeinde ganz verlassen, ist schwer vorhersehbar.

       Die Pfarrer sind gefordert, neben der klassischen Gottesdienstvorbereitung Menschen um sich zu scharen, mit denen sie Neues planen und aufbauen können. Dies erfordert Muße und ein verstärktes Engagement von Ehrenamtlichen. Kurzfristig bergen derlei Überlegungen sicherlich einen Mehraufwand für Pfarrer und Mitarbeiter. Längerfristig sollte die verstärkte Einbindung von Ehrenamtlichen in Gottesdienstplanungen und –abläufe aber zu einer Entlastung der hauptamtlichen Mitarbeiter führen. Voraussetzung dafür ist, dass sich alle Verantwortlichen darauf einlassen.

       Wenn besondere Gottesdienstformen einem Standort zugeordnet werden, kann die Nachfrage nach klassischen Gottesdiensten von den jeweils anderen Standorten aufgefangen werden. Damit dies gelingt, muss nicht nur das innergemeindliche Verständnis EINER Gemeinde gestärkt werden. Vielmehr muss auch gelingen, das differenzierte gottesdienstliche Angebot nach außen als etwas Bereicherndes zu vermitteln.

 

3.2.      Standortprofilierung – Das Stadtkloster Segen

Die Kirchengemeinde hat die vier, architektonisch sehr unterschiedliche Kirchgebäude. Sie alle bieten den Gottesdienstbesuchern, aber auch denen, die keinen direkten Bezug zur Gemeinde haben, Identität. Dennoch erleben auch unsere Kirchen einen Bedeutungsverlust, da die Zahl der Gemeindemitglieder stärker steigt als die der Gottesdienstbesucher.

Die junge Alters- und besondere Sozialstruktur des Stadtteils stellen die Gemeinde vor eine weitere besondere Herausforderung: Viele der, häufig auch allein lebenden Menschen (Single-Haushalte), sind auf der Suche nach Spiritualität, die sie aber nicht mehr in den Kirchen und Gemeinden des Quartiers finden. Hinzu kommt, dass die finanziellen Kirchensteuer-Zuwendungen sinken und weiter abnehmen werden. Insbesondere die Segenskirche ist in einem renovierungsbedürftigen Zustand, der die finanziellen Kapazitäten der Gemeinde bei weitem übersteigt. Allein im Osten Deutschlands sind mehr als 350 Kirchen vom völligen Verfall bedroht; insgesamt steht ein Sanierungsbedarf von mehr als 6,6 Mrd. Euro an. Damit kann auch die spirituelle und soziale Arbeit nicht mehr in dem Maße geleistet werden, wie dies in der Vergangenheit möglich war. Angesichts solcher Entwicklungen sind im Umgang mit unseren Kirchgebäuden und Gemeindehäusern mehr denn je Kreativität und Zuversicht gefragt.

Die finanziellen Schwierigkeiten, ihre Folgen für den baulichen Erhalt des Kirchgebäudes und die gemeindliche Arbeit erfordert eine gesellschaftsoffene und vor allem phantasievolle Nutzung. Die Gemeinde hat sich daher in den vergangenen Jahren bemüht, den Umbau der Segenskirche zum „Stadtkloster Segen“ als modellhaftes Umbau-, Umnutzungs- und Integrationsvorhaben darzustellen, aus dem Ideen und Erfahrungen für andere, ähnliche Vorhaben abgeleitet werden können. Doch was genau ist geplant?

„Die Segenskirche wird zum Stadtkloster umgebaut“ – so heißt es in der vom Förderverein Stadtkloster Segen e.V. herausgegebenen Broschüre. Im Januar 2007 werden die Eigentumsrechte für das Gebäudeensemble der evangelischen Familienkommunität „Don Camillo“ überschrieben. Drei Familien dieser Kommunität aus der Schweiz haben sich im Laufe eines über zwei Jahre währenden Gesprächsprozesses mit Vertretern der Gemeinde dazu entschlossen, nach Berlin zu ziehen und den Um- und Aufbau der Segenskirche zum so genannten Stadtkloster zu begleiten. Sie werden – in Kooperation mit der Gemeinde Prenzlauer Berg Nord – nach Abschluss aller Umbauten dauerhaft vor Ort leben, Gäste beherbergen, regelmäßige Gebetszeiten durchführen und den Menschen aus dem Berliner Kiez sowie Gästen aus ganz Deutschland mit ihren besonderen Angeboten zur Ruhe, Einkehr und Meditation christliche Spiritualität anbieten.

Teils zähe Entscheidungsfindungsprozesse im Gemeindekirchenrat haben verdeutlicht, dass das „Neue“ an diesem Vorhaben – die Festlegung eines Standorts auf einen Nutzungszweck und die schwierige Abschätzung, inwiefern unser Traum, neues spirituelles Leben zu initiieren, gelingen kann – tief in der Struktur der fusionierten Gemeinde verankert werden musste. Die letztlich gefällten Entscheidungen der Gemeindeverantwortlichen zeigen außerdem, dass insbesondere der partnerschaftliche Kontakt der Kommunität „Don Camillo“ und die Unterstützung aller Gemeindebezirke wesentlich dazu beigetragen haben, das Projekt zu stemmen. Außerdem wissen wir um den Modellcharakter (im positiven Sinn!) des „Stadtklosters Segen“: Die Kirchenleitung der Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hat sich im August 2005 mit einem Grundsatzbeschluss das Anliegen des Projektes zu eigen gemacht und fördert sowohl seinen Inhalt als auch die Familienkommunität aus der Schweiz ausdrücklich als Partnerin. Bischof Dr. Wolfgang Huber begrüßt den „visionären Aufbruch“ der Kirchengemeinde.

Das Stadtkloster wird der Gemeinde Prenzlauer Berg Nord Segen bringen, wenn das kommunitäre Leben und die spirituellen Seminare nicht als ein weiteres, zusätzliches Angebot unter vielen, sondern als integraler Bestandteil der eigenen Gemeindearbeit angesehen werden. Kooperationen zwischen der Kommunität und der Gemeinde sollen den vielseitig geprägten protestantischen Glauben der Gemeindeglieder um die Erfahrungen der kommunitären Spiritualität erweitern. Gelingt es, dass sich sowohl Kommunität als auch Volkskirche der Unterschiedlichkeit ihres spirituellen Lebens bewusst bleiben, dann ist die Kommunität „Don Camillo“ - die auch Teil der Landeskirche werden wird - mit ihrem Anliegen und ihrer Arbeit auch ein neuer volkskirchlicher Impuls.

 

4.      Volkskirchliche Zukunft

Ohne Zweifel haben die Bedeutung der Kirchengemeinde während der politischen Wende 1989/90 sowie die Erfahrungen, die während des ökumenischen Kirchentages gesammelt werden durften, die Gemeinde in der Öffentlichkeit bekannt gemacht. Die Mischung zwischen Integration und Polarisierung hat dazu beigetragen, dass die gemeindlichen Anliegen teils heftig diskutiert wurden und die notwendige Auseinandersetzung mit bestimmten politischen und sozialen Themen die Gemeindeverantwortlichen und viele Gemeindeglieder zur Reflexion ihres eigenen Handelns verpflichtet haben.

Die Möglichkeiten, Standorte zu profilieren, besondere gottesdienstliche Angebote auszuprobieren und gar ein Stadtkloster zu bauen, erachte ich als eine große Chance für die Gemeinde – gerade weil die Kirchengemeinde einer volkskirchlichen Verantwortung unterliegt. Diese Verantwortung zeigt sich u.a. in den vielen offenen Gemeindeangeboten, mit denen wir alle Menschen, die Gemeinschaft suchen, Hilfe und Zuspruch benötigen, ansprechen möchten (Volkskirche versus „Winkelkirche“).

Im Leitbild der Gemeinde wurde noch ein weiterer volkskirchlicher Aspekt festgeschrieben: Die Gemeinde versteht sich „missionarisch in dem Sinne, (1.) möglichst viele Menschen neu zum Glauben einzuladen und (2.) die vielen, die zu unserer Freude schon da sind, zu stärken und zu pflegen.“ Nach diesem Selbstverständnis ist Volkskirche nicht gleichzusetzen mit „Massenkirche“, sondern vielmehr mit einer „Missionskirche“, die „zum Volk gesandt“ ist.

Die offene Einladung an alle Gemeindeglieder, den immer noch währenden Fusionsprozess lebendig zu begleiten und sich in den Arbeitsgruppen zu engagieren, zeigt des Weiteren, dass Prenzlauer Berg Nord bewusst keine Pastorengemeinde ist. Basisdemokratische Entscheidungen unter der Beteiligung möglichst vieler waren und sind prägend für die Gemeinde und auch, wenn die teilweise langwierigen Entscheidungsprozesse Nerven aufreibend sein können, sind sie für die Gemeindekultur typisch und haben sich bewährt.



[1] Durch die Fusion konnten Arbeitsplätze nicht nur gesichert, sondern neu geschaffen werden. Als Beispiele seien hier die (halbe) Stelle eines Veranstaltungskoordinators und die (ganzen) Stellen einer Kinder- und eines Jugenddiakons genannt.

[2] Der Kuppelsaal ist ein großer Gemeindesaal unweit des eigentlichen Kirchengebäudes. Der Saal wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Kino und dann als Festsaal für russische Offiziere zweckentfremdet. Nach der politischen Wende 1990 wurde er saniert.

[3] 1998: 9.177; 2001: 10.251; 2003: 11.622; 2006: 12.810 Gemeindeglieder

[4] 12 Männer und Frauen, paritätisch nach Größe der Gemeindebezirke, Neuwahl der Hälfte des Gemeindekirchenrates alle drei Jahre

[5] Halbwachs, M. (1985): Das kollektive Gedächtnis. Frankfurt a.M.

[6] Assmann, J. (1992): Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München

[7] Matthäus 26, 41

[8] Aus dem Leitbild der Gemeinde, 2004

  

Die Autorin Diplom-Sozialwissenschaftlerin Constanze Scherz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse im Forschungszentrum Karlsruhe (ITAS) und seit 2001 gewähltes Mitglied im Gemeindekirchenrat der Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord, Berlin. Sie studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin und war wissenschaftliche Mitarbeiterin (Doktorandin der Sozialwissenschaften) am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse im Forschungszentrum Karlsruhe.