
Sinkende Mitgliederzahlen, demografische Entwicklung und
Finanzknappheit haben die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) in ein
Reformfieber versetzt. Insbesondere das Impulspapier „Kirche der Freiheit“
der Leitung der EKD – des Rates – vom Sommer 2006 hat die Diskussion
angeheizt, was getan werden muss, um den volkskirchlichen Protestantismus
zukunftsfähig zu machen. Der Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, Axel Noack
(Magdeburg), nimmt diesen Reformeifer kritisch unter die Lupe und macht
gleichzeitig Alternativvorschläge.
Nicht das objektive Kleinerwerden unserer Volkskirche ist das eigentliche
Problem, sondern die damit allzu oft verbundene innere Haltung der Resignation.
Denn im praktischen Gemeindealltag geht es um die Frage, wie wir trotz der
Situation, in der wir leben, fröhliche Christen bleiben können und wie unsere
Verkündigung fröhlich bleibt und die Freudenbotschaft des Evangeliums nicht
verdunkelt und umwölkt wird von unseren Sorgen und Problemen. Denn sonst werden
wir unsere Probleme nicht lösen.
Mit Gottes Güte rechnen
Wie schwer das Kleinerwerden fällt, sieht man leicht: Die Streichung von
Stellen und das Abbauen von Strukturen legt sich Mitarbeitern, Kirchenältesten
und Gemeindegliedern oft genug schwer aufs Gemüt. Solcher Stimmungslage
begegnet man nicht mit „Pfeifen im Wald“, sondern nur mit Glaubensgewissheit
oder, wie Martin Luther sagen könnte, mit einem Glauben, der „eine verwegene
Zuversicht“ ist.
Weder eine kleine noch eine kleiner werdende Kirche ist in der Substanz gefährdet,
wohl aber eine Kirche, die den Anspruch aufgegeben hat, wachsen zu wollen. Damit
ist die Frage nach dem „Wachsenwollen“ letztlich eine theologische Frage und
eine Frage nach unserem Vertrauen in Gottes Zusagen. Vor lauter Besorgnis über
den Zustand unserer Kirche verlernen wir es leicht, mit Gottes Güte wirklich zu
rechnen.
Der Grund ist so wichtig wie das Ziel
Wir sind jetzt in unserer Kirche überall „zielführend“. Das trifft auch für
fast alle Seiten des EKD-Papiers zu: Überall werden Ziele definiert und
„Leitbilder“ entworfen. Wir führen Mitarbeiterjahresgespräche und treffen
Zielvereinbarungen, ja wir entzünden „Leuchtfeuer“ – so sind die
einzelnen Reformbereiche des EKD-Impulspapiers überschrieben – und
orientieren uns „nach vorn“. Aber: Bei all dem darf man nicht vergessen,
dass Theologie und Glauben im Grunde nicht auf ein Ziel hin argumentieren,
sondern von einem Grunde her. Jesus sagt nicht: „Gehet hin in alle Welt und
macht zu Jüngern alle Völker und lehrt sie und tauft sie, damit die Welt schön
werde oder die Kirche groß oder die Leute fromm ...“. Sondern er sagt: „Mir
ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin ...“ Jesus
argumentiert also von einem Grund her.
Und deshalb ist es für uns und unsere kirchliche Situation neben aller „Zielführung“
eben genauso wichtig, dass wir uns immer wieder des Grundes versichern, auf dem
wir stehen. Wenn unser Zutrauen in Gottes Wort nicht stabil ist, wenn wir uns
durch alle möglichen Prognosen mehr beunruhigen lassen als wir uns von Gottes
Verheißungen trösten lassen, wenn wir uns vor der Zukunft mehr fürchten als
dass wir gespannt darauf sind, was Gott mit uns noch vor hat, dann helfen uns
alle Visionen und Zielvereinbarungen nicht.
Anerkennung durch Neid
Im folgenden nun eine kleine Auswahl von Herausforderungen, vor denen unsere
Kirche heute steht. Derzeit ist immer wieder der Ratschlag zu hören, wir
sollten doch eigentlich nur die guten, gelingenden Beispiele bekanntmachen und
vervielfachen. Die „Good-Practice-Orientierung“ (Orientierung an
erfolgreicher Praxis) würde ansteckend wirken. Das ist aber Theorie:
Mitarbeitende und Kirchengemeinden mit guten Beispielen finden längst nicht
immer nur Beifall sondern haben es manchmal richtig schwer damit. Wem es richtig
schlecht geht, findet womöglich Mitgefühl und auch Hilfe. Wem es aber richtig
gut geht, der löst nicht unbedingt Mitfreude bei den anderen aus. Der Thüringer
Bischof Christoph Kähler hat einmal formuliert: „Der Neid ist die
evangelische Form der Anerkennung!“ Es fällt uns nämlich schwer, dass wir
uns mitfreuen, wenn woanders etwas gelingt. Am Ende führt das dazu, dass am
liebsten jeder nur noch „Seins“ macht und sich von anderen möglichst wenig
in die Karten gucken lässt. Wer aber nicht bereit ist, seine Situation ehrlich
offen zu legen, dem ist auch schwer zu helfen. Das gilt leider auch oft genug für
Mitarbeiter, die sich ganz doll überlastet fühlen.
Der Streit ums Sparen
Zum Thema Geld: Die EKD hat eine Reform der Grundlinien der Finanzpolitik
begonnen. Danach soll nun vorrangig das Neue und das Innovative gefördert
werden. Nicht das ehrwürdige Alter einer Aktivität soll das Kriterium sein,
sondern alles soll noch einmal auf den Prüfstand. Aber auch das ist Theorie. In
der Praxis können alle locker Prioritäten setzen, aber „Posterioritäten“
(also „Nachrangiges“) zu formulieren und zu sagen, womit wir aufhören können,
fällt ganz schwer. Die Rechenkünstler sind am Werk und versuchen,
„Sparziele“ zu erreichen, ohne wirkliche Entscheidungen treffen zu müssen.
Meine These: Auch hier handelt es sich im Grunde um eine geistliche Frage, nämlich
die Frage danach, wie ich meine Arbeit und die Möglichkeiten meines Dienstes
sehe.
Wenn es vorbei ist
Allerorten erleben wir jetzt, dass betroffene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
denen man sagt, dein Arbeitsbereich, deine Diakoniestelle, deine Projektstelle
etc. wird gestrichen, sofort denken: „Ja, meine Stelle wollt Ihr streichen,
also ist meine ganze bisher geleistet Arbeit wertlos, es ist alles Mist
gewesen.“ So denkt jemand, der auf ein Ziel fixiert arbeitet und merkt, dass
dieses noch nicht erreicht ist. Wir alle werden aber unsere großen Ziele nie
ganz erreichen, weil es immer Menschen geben wird, die das Evangelium hören
sollen, denen wir helfen sollen, „christlich zu leben und getröstet zu
sterben“. Das wird nie zu Ende kommen. Also werden wir es lernen müssen,
dankbar zu sein für die Zeitabschnitte, in denen diese oder jene Form der
Arbeit möglich war. Auch diese Zeit wird gesegnete Zeit sein. Die geistliche
Freiheit zu einer solcher Sichtweise werden wir nur gewinnen, wenn unsere
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch bei Veränderungen nicht von
Existenzsorgen bedroht werden. Es muss aber deutlich bleiben: Die Fürsorge für
die Mitarbeiter ist ganz deutlich von der Planung unserer Arbeit zu
unterscheiden. Der Glaube muss es schaffen, auch eine Sache fröhlich zu
beenden.
Kinderlosigkeit und Volkskirche
Zur kirchlichen Situation gehört seit langem, dass sich die Intensität der
Beziehung zur Kirche in den einzelnen Lebens- und Altersstufen verändert. Diese
Tatsache ist eine Binsenweisheit. Die Leute machen in ihrer Biographie
unterschiedlichen Gebrauch von der kirchlichen Nähe. Als Kind sind sie da bis
zur Konfirmation, dann sind sie lange nicht da, vielleicht noch mal zur
Hochzeit. Und wenn es gut geht, kommen sie im Alter wieder, das ist so seit
langen Zeiten. Nur jetzt kommt etwas alarmierendes Neues hinzu: Wir wissen, dass
es besonders zwei Lebensphasen sind, in denen die Menschen sich mit
Glaubensfragen beschäftigen. Einmal ist das die eigene Kindheit - also in der
eigenen Familie. Hier „lernen“ Kinder das Glauben so ganz nebenbei wie ihre
Muttersprache durch das Vorbild der Eltern. Zum anderen ist es die Phase, wo die
Kinder selbst Eltern werden. Nun müssen sie entscheiden: Lassen wir unser Kind
taufen? Was singen oder beten wir abends am Bett? Diese zweite Phase fällt
jetzt angesichts mangelnden Nachwuchses weithin aus. Das heißt also, eine ganz
entscheidende Quelle, wo die Menschen der Volkskirche noch mal mit dem Glauben
in engere Beziehung treten, findet nicht mehr statt, weil sie keine Kinder mehr
haben.
Wer nach 1990 nicht geboren wurde...
Im Blick auf die Zahlen unserer Konfirmanden scheint der Bevölkerungsschwund
(und dabei besonders der Geburtenrückgang nach der Wende) deutlich
durchzuschlagen. Jetzt müssten nämlich alle diejenigen konfirmiert werden, die
1991 nicht mehr geboren worden sind. Die östlichen Bundesländer haben ja auch
mittlerweile fast die Hälfte aller Schulen schließen müssen! Dieselbe Gruppe
wird bald fehlen, wenn es gilt, Lehrstellen und Studienplätze zu besetzen. In
ca. zehn Jahren werden sie uns dann vor allem auch als mögliche Väter und Mütter
fehlen, denn wer nach 1990 nicht geboren wurde, wird 2015 nicht Vater oder
Mutter und übrigens auch nicht Kirchensteuerzahler werden.
Halten wir es aus, uns dauernd missbrauchen zu lassen?
Wir stehen also vor großen Herausforderungen. Vieles wird in Zukunft daran hängen,
wie wir mit den Menschen umgehen, die nicht zum Kern der Gemeinde gehören. Ein
junger Mann sagt, befragt nach seinen Wünschen an die Kirche: „Ich wünsche
mir von der Kirche, dass sie offen steht, wenn ich sie brauche, aber es nicht übel
nimmt, wenn man sie nicht besucht.“ So sind sie, die Menschen! Vermutlich mehr
als wir denken! Und die sollen wir auch mögen und für sie beten! Wir können
es doch deutlich aussprechen: Die Leute missbrauchen unsere Kirche einfach ein
bisschen. Und wir sind gefragt, ob wir das aushalten. Viele Menschen haben zur
Kirche ein Verhältnis wie zu einer Versicherung – nur bei einem Schadensfall
treten sie in eine nähere Beziehung.
Wenn Gott nicht mehr gelobt wird
Wie sollen wir das deuten? Wir könnten verärgert reagieren, sehr zu Recht. Wir
können aber auch sagen: Immerhin, sie kennen wenigstens die Adresse! Es ist
leicht einzusehen, dass eine große geistliche Kraft und Gelassenheit dazu gehört,
so zu reagieren. Wie schafft es eine kleine Gemeinde, es durchzuhalten, für
alle die, die wollen, dass Gottesdienst und Gebet stattfinden, die selbst aber
nie kommen? Wir schaffen es nur, wenn uns klar ist: Es ist zum Schaden für uns
alle, wenn Gott nicht mehr gelobt wird. Deshalb lasst es uns tun, fröhlich und
unverzagt – auch dann, wenn wir damit sehr allein bleiben.
Eine ausführliche Version der Überlegungen des Bischofs findet sich in
dem Sammelband „Kirchenreform strategisch!“, herausgegeben von Wolfgang Nethöfel
und Klaus-Dieter Grunwald, 538 Seiten, EUR 19,80, C&P-Verlagsgesellschaft
Glashütten.
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in: idea Spektrum - Ausgabe Nr. 15 vom 9. April 2008.